Botanica2014 - ein Rückblick 06.04.2016 13:12

Botanica2014 - ein Rückblick

Wie bereits im Jahr 2012 fand in Dublin die Konferenz Botanica2014 statt – organisiert von der engagierten und im englischsprachigen Bereich sehr bekannten Klinischen Aromatherapeutin Rhiannon Lewis. Die zweieinhalb Tage im altehrwürdigen Trinity College, im Herzen der schönen irischen Hauptstadt, widmeten sich in zahlreichen Vorträgen und einer abwechslungsreichen Ausstellung insbesondere dem „duften“ Bereich der Phytotherapie. Es ging um neue Erkenntnisse zu Hydrolaten, es kamen viele Destillateure zusammen, viele Ölefirmen und deren Gründer sprachen über ihre Arbeit. Insgesamt kamen Menschen aus 39 verschiedenen Ländern. Eliane Zimmermann war dabei und notierte für uns die spannendsten Erkenntnisse.

Hervorragende ätherische Öle entstehen durch sanfte Hände.
Destillateure stellten ihre Arbeit in Vorträgen und Messeständen vor, sie kamen aus ganz unterschiedlichen Teilen des Globus, beispielsweise aus Nepal, Bulgarien, Brasilien, Serbien und Frankreich. Möglich wurde diese Zusammenkunft durch die US-amerikanische Aromatherapie-Pionierin Andrea Butje, die neben ihrer renommierten Aromatherapie-Schule in Florida eine Datenbank über kleine Ätherisch-Öl-Manufakturen und eine Datenbank mit Inhaltsstoffen von ätherischen Ölen führt.

Aromatherapie bei Phantomschmerzen. 
Die südafrikanische Aromatherapeutin Linda-Anne O’Flaherty zeigte ein Video, das bei vielen ZuhörerInnen der Konferenz rote Augen oder gar Tränen verursachte. Ein kleiner Patient klagte ganz fürchterlich über Schmerzen „im rechten Arm“, der leider aufgrund seiner durch einen heftigen Stromschlag erfolgten Verbrennungen amputiert werden musste. Linda-Anne arbeitet bei all ihren kleinen VerbrennungspatientInnen mit sehr sanften „Streichungen” namens M-Technique (auch “Physikalische Hypnotherapie” genannt). Der nicht mehr vorhandene Arm wurde mit folgender Standardmischung [1 % ätherische Öle in Traubenkernöl (Vitis vinifera)] behandelt:

  •  Kamille deutsch (Matricaria recutita, vor allem gegen den beim Verheilen von Verbrennungen entstehenden starken Juckreiz)
  •  Lavendel (Lavandula angustifolia, schmerzlindernd, beruhigend, sanft antiseptisch)
  •  Neroli (Citrus aurantium flos., beruhigend/anti-traumatisch, schmerzlindernd, sanft antiseptisch)

Übrigens wird nur intakte oder zumindest gut verheilte Haut mit ätherischen Ölen und Streichungen behandelt, niemals verbrannte Haut. Linda-Anne muss seine Schmerzen hervorragend erfasst haben, nach wenigen Behandlungen berichtete der endlich wieder entspannte kleine Patient, dass die „Faust” sich geöffnet hatte und der schlimme Schmerz vergangen war. Die DVD mit den leicht zu erlernenden Schritten der M-Technique kann man bei Jane Buckle für gut 30 Euro bestellen.

Ätherische Öle als sehr heilungskräftige Vielstoffgemische.
Die Vielfalt unterschiedlichster Inhaltsstoffe in jedem einzelnen ätherischen Öl macht die erstaunliche Heilkraft der Aromatherapie (und Aromapflege) aus. Laut dem italienischen klinischen Phytotherapeuten Marco Valussi gab es in den letzten Jahren – unbemerkt von den meisten von uns Aroma-EnthusiastInnen – einiges an neuen Erkenntnissen über die Rolle von ätherischen Ölen in der Pflanzen- und Tierwelt. Marco Valussi betonte, dass die so genannte ‘network pharmacology’, also die vernetzten und gemeinsam agierenden unterschiedlichen Moleküle, sehr gut von uns Menschen verarbeitet und genutzt werden kann. Das bedeutet, dass eher schwach wirksame Pflanzenmoleküle stärker wirksame Moleküle aktivieren können. Auch weil sie unterschiedliche ‘targets’, also Wirkstoff-Ziele, in der Zelle ansteuern, können Vielstoffgemische effektiver wirken als Monosubstanzen.

Marco Valussi illustrierte dieses Thema anhand der verschiedenen Inhaltsstoffe von Thymianöl: p-Cymen (ein Monoterpen, es ist oft nur in geringen Spuren in ätherischen Ölen enthalten) kann die Zellmembranen von beispielsweise Bakterien sozusagen aufblasen, sie werden weniger stabil, durchlässiger. Dann kommt Carvacrol (ein phenolisches Monoterpen, das als pflanzliches Antibiotikum gilt) zum Zug: Es kann nun leicht in die unstabile Zellmembran eindringen und seine “Killerwirkung” leicht und effizient ausführen.
Geraniol (ein Monoterpenol, der in etlichen ätherischen Ölen vorkommt, auch in kleinen Mengen in Thymianölen), stört Pumpmechanismen in Zellmembranen und kann auch zur Störung oder Zerstörung der Bakterien beitragen – in Zusammenarbeit mit stärkeren Molekülen (auch in Zusammenarbeit mit Antibiotika). Die phenolischen Verbindungen brauchen also ihre „schwächeren Mitspieler” wie Linalool, Geraniol und p-Cymen, um wirklich aktiv sein zu können und unsere Gesundheit wirksam schützen zu können.

Ätherische Öle als Helfer bei Demenz und Vergesslichkeit.
Die Pharmakognostikerin* Nicolette Perry, die wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse über ätherische Öle präsentierte, ist die Hälfte eines engagierten Forscherinnen-Duos. Ihre Mutter Elaine Perry ist Neurowissenschaftlerin, die vor ihrem Ruhestand ausgiebig über Demenzen (Alzheimer, Lewy-Körper und gefäßbedingte Demenzformen) und andere neurologische Erkrankungen forschte. Die Tochter Nicolette Perry befasst sich mit der Chemie der Heilpflanzen und insbesondere mit ihrer Wirkung auf das ZNS (Zentrale Nervensystem). Sie nennt die Signal- und Duftstoffe ‘Botanic Brain Booster’ (BBB, Botanische Gehirnverstärker).
Nicolette Perry erläuterte in diesem Zusammenhang sehr viele Studien über Lavendel- und Kamille-blau-Öl, auch zeigte sie einige wichtige Neuro-Effekte auf, die an Menschen untersucht worden sind:

  •     anxiolytisch (angstlösend): Linalool und Rosmarinsäure (in einigen Hydrolaten, nicht in ätherischen Ölen)
  •     kognitiv verstärkend (konzentrationsfördernd): Menthol
  •     antidepressiv: Rosmarinsäure
  •     antikonvulsiv (Krämpfen entgegenwirkend): Borneol und 1,8-Cineol (Eucalyptol)
  •     stimuliert die neurologischen „Autobahnen”: Menthol

Duftende Signalstoffe aus den Duftpflanzen können also menschliche Zellen beeinflussen, welche Botenstoffe produzieren, die unsere Seelenlage steuern.

Aromatherapie-Einsatz in einem Krisengebiet.
Die engagierte deutsche Phytotherapeutin und Buchautorin Julia Hoffman Graves, die in Frankreich lebt, bekam aus erster Hand mit, wie es um die Gesundheit der ohnehin sehr, sehr armen Bevölkerung in Haiti stand, nachdem im Januar 2010 ein verheerendes Erdbeben über 300.000 Menschen getötet hatte. Sie überlegte quasi nur rasch, fragte im Bekannten- und Freundeskreis nach überflüssigen, unbenutzten und ungeliebten ätherischen und fetten Ölen sowie Homöopathika und flog nach Haiti, um rasch und unbürokratisch Erste Hilfe zu leisten. Mit Hilfe von lokalen Freiwilligen konnte man circa 300 Menschen pro Tag behandeln. Ihre Initiative ‘Naturopathic Relief Clinic for Haitian Earth Quake Survivors’ konnte bis heute 18.000 verarmten und Not leidenden Menschen helfen. Sie war selbst erstaunt, wie ätherische Öle, teilweise in kleinsten Mengen, Infektionen mit Mikroorganismen und Parasiten reduzieren konnten. An ätherischen Ölen wählte Julia die Mittel aus, die möglichst breitgefächert wirken und preiswert zu bekommen waren: Lavendel, Teebaum, Eukalyptus und Zitrone. Sie wurden in lokal erhältlichem Baumwollsamenöl verdünnt (10 Tropfen auf 30 ml), in Fläschchen gegeben, an die Bevölkerung verteilt und für allerlei Beschwerden eingesetzt. Mit einem Tropfen der Mischung wurde auch die tägliche Flasche mit Trinkwasser “gereinigt”.

Wer ätherische und fette Öle besitzt, die nicht gemocht oder benötigt werden: Julia kann solche Spenden bestens gebrauchen. Sie und ihr Team haben derzeit ausreichend Zitronenöl, Teebaumöl, Eukalyptusöl und Lavendelöl. Nadelöle (Fichte, Tanne, Kiefer) würde sie gerne mitnehmen und sie benötigt dringend kleine Fläschchen (Probenfläschchen, gerne nur circa 1 cm hoch), diese möchte sie mit unverdünnten Ölen an die Bevölkerung ausgeben, wenn Trinkwasser zu dekontaminieren ist.
Kontaktadresse: Julia Graves, Peyrissaguet, 19370 Chamberet, Frankreich

Botanica hat sich inzwischen einen Namen gemacht und wird im Herbst 2016 in Brighton (England) wieder stattfinden. Die gesammelten Vorträge der Konferenz von 2014 kann man als Download-Datei erwerben (100 Euro) bei http://www.ijca.net.

*laienhaft ausgedrückt ist sie eine Apothekerin ohne Apotheke, die also in der Forschung tätig ist.

Autorin:
Eliane Zimmermann erhielt ihr Diplom vom Shirley Price College (1990). Sie lebt und unterrichtet seit 15 Jahren im subtropisch anmutenden Südwest-Irland. Dort geht sie der Kultivierung von duftenden Pflanzen genau so leidenschaftlich nach wie auch der „Jagd“ nach wissenschaftlichen Studien mit ätherischen Ölen. Sie hat fünf Bücher über ätherische Öle verfasst und berichtet regelmäßig in ihrem Blog über Aromatherapie www.blog.aromapraxis.de. Sie hält auch Kurse und Vorträge in Österreich und in der Schweiz.


Nachzulesen in: Zimmermann, E. (2015): Botanica2014 - ein Rückblick. In: Hand in Hand mit der Natur. Das Magazin für Aromapflege und Aromatherapie, 2. Ausgabe, S. 8-9.
issuu.com/evivre/docs/aromapflegemagazin_2015-2_issuu

Bildverzeichnis: © aromapflege.com, © Eliane Zimmermann

Botanica2014 - ein Rückblick
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