Glycerin - Fluch oder Segen? 11.10.2017 12:44

Glycerin - Fluch oder Segen?

Sowohl in konventionellen als auch in Naturkosmetikprodukten taucht ein Inhaltsstoff in den sogenannten INCI-Listen besonders häufig auf: Glycerin. Was ist das für eine Substanz, welche Funktion hat sie, und stimmt das Gerücht, Glycerin trockne die Haut aus?

Im Folgenden möchte ich gerne versuchen, Glycerin als Substanz einzuordnen und seine Eigenschaften zu skizzieren. Ich bin mir sicher, Sie werden diesen Rohstoff in Kürze in einem völlig neuen Licht sehen.

Glycerin, chemisch betrachtet
Beginnen wir mit einem kurzen theoretischen Blick: Chemisch betrachtet ist Glycerin ein sogenannter 3-wertiger Alkohol, weil er 3 alkoholische OH-Gruppen aufweist. Diese chemische Kategorie wird in seinem Namen deutlich: Glycerol bzw. 1,2,3-Propantriol heißt Glycerin ganz korrekt. Die Endung "-ol" verweist auf die Stoffgruppe "Alkohol", der es angehört. Glycerin schmeckt süß, auch das verrät der Name (griech."glykerós" bedeutet "süß"): Man zählt es zu den Zuckeralkoholen.
Industriell verwendetes Glycerin ist zum großen Teil ein synthetisches Produkt, das aus Propen gewonnen wird. Ich vermute, dass u. a. die Herkunft aus der Petrochemie wesentlich dazu beigetragen hat, diesen Rohstoff kritisch zu sehen (vgl. Käser, 2015, S. 246).

In der Natur findet sich Glycerin sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Organismen. Pflanzen schützen sich durch Glycerin vor Frost: Bei kalten Außentemperaturen können Pflanzen ihren Stoffwechsel umstellen und produzieren statt Glucose (Zucker) Glycerin; Glucose gewinnen sie wiederum aus Stärke. Glycerin löst sich im Wasser der Zellen und bindet das Wasser so fest, dass es bei 0 Grad nicht gefrieren kann. Je mehr Moleküle im Wasser der Zellen gelöst sind, desto stärker wird quasi der Gefrierpunkt gesenkt.

Auch in unserer Haut entsteht Glycerin im Zuge der Spaltung hauteigener Fette. Wie auch in den fetten Pflanzenölen bzw. Fetten (außer Jojoba) verbinden sich in unserer Haut drei Fettsäuren mit einem Glyzerinmolekül zu einem sogenannten Triglycerid (vgl. Käser, 2015, S. 17). Es gehört im weitesten Sinne zu einem körpereigenen System an wasserbindenden Stoffen, die sich in den Hornzellen und in den aus Fetten bestehenden Schichten dazwischen befinden, die die Hautbarriere bilden.

Für den Einsatz in Naturkosmetik wird Glycerin aus rein pflanzlichen Fettsäuren gewonnen, in der Regel aus Palmöl- und Kokosölfettsäuren. Der größte Teil ist ein Nebenprodukt der Biodieselherstellung - zumeist aus den Ölsaaten von Raps- oder Sonnenblume1. Mittlerweile gibt es Glycerin jedoch auch in Bioqualität und (seit einiger Zeit) auf Wunsch auch für uns Endverbraucher palmölfrei. Hier dienen reine Kokosölfettsäuren als Ausgangsbasis.

Kosmetische Eigenschaften und kosmetischer Einsatz
Kosmetisch weist Glycerin eine sehr wichtige Funktion auf: Sein Haupteinsatz erfolgt als feuchtigkeitsbindender Rohstoff, der im Produkt enthaltenes und aufgetragenes Wasser, aber auch Luftfeuchtigkeit bindet und auf der Haut festhält. Auf diese Weise mindert es hauteigenen (durch die Oberhaut von innen nach außen stattfindenden) Wasserverlust, der zu trockenen Hautzuständen führen kann. Das Besondere an Glycerin - vor allem im Vergleich zu anderen feuchtigkeitsbindenden Substanzen - ist, dass es nach dem Auftragen tiefer in die Hornschicht eindringen und nicht so leicht ausgewaschen werden kann wie z. B. Harnstoff oder andere bekannte kosmetische Rohstoffe mit gleicher Funktion. Auf diese Weise mindert Glycerin die austrocknende und irritative Wirkung von Tensiden und Emulgatoren: Es hält das hauteigene Wasser fest. Reinigungsprodukten wie Duschgelen, Reinigungsmilch, Shampoos werden daher in der Regel höhere Mengen an Glycerin hinzugefügt (vgl. Gloor, 2000).

Wie aber ist es nun mit der austrocknenden Wirkung bestellt? Glycerin ist tatsächlich ein hygroskopischer Stoff, das heißt: Es zieht Wasser an und kann es an sich binden. Die Stärke dieser Anziehung ist in seiner Ausprägung jedoch von der relativen Luftfeuchtigkeit abhängig. Bei niedriger Luftfeuchtigkeit (und das ist die, die unsere Haut besonders stresst, weil sie dann vermehrt hauteigenes Wasser abdunstet), verringert sich gleichzeitig die Wasseranziehungsfähigkeit von Glycerin, sodass es eben nicht zu dem Effekt kommt, der ihm so oft nachgesagt wird (vgl. Käser, 2015, S. 248).

In industriellen Rahmenrezepturen wird Glycerin in Gesichtspflegeprodukten in der Regel bis ca. 3 % dosiert, in Körperpflegeprodukten etwas höher, in Haarpflegeprodukten zwischen 1-5 %. Ausnahmen sind Spezialprodukte wie Handgele. Sie weisen teilweise sehr hohe Konzentrationen um 10 % auf, weil Glycerin ausgeprägt Feuchtigkeit bindet und sich zudem sehr gut in eine gelartige Produktmatrix einarbeiten lässt. Daneben wird es gerne (auch wegen des angenehm süßlichen Geschmacks) in Zahnpasten bzw. -gelen eingesetzt. Eine natürliche Grenze ergibt sich durch seine Klebrigkeit: Niemand wird Glycerin in Mengen einsetzen, die austrocknend wirken (vgl. Käser, 2015, S. 248-249).

Glycerin ist ein ausgezeichnet dokumentierter kosmetischer und pharmazeutischer Rohstoff mit einer langjährigen Anwendungshistorie. Die unzähligen Studien, in denen es genannt wird, dienen (anders als Studien über neue kosmetische Wunderstoffe) garantiert nicht dubiosen Firmeninteressen: Durch Glycerin wird niemand reich. Es ist sehr begrüßenswert wenn in naturkosmetischen Produkten Glyzerin in qualitativ hochwertiger Form beinhaltet ist.

Anmerkung der Redaktion: Immer wieder ist es doch erstaunlich welch ausgeklügelte Formeln an Inhaltsstoff-Kombinationen in der Natur vorkommen. So dürfen wir in diesem Zusammenhang nochmals bewußt machen, dass in jedem Pflanzenöl- bzw. -Fett (außer Jojoba) dieser vor allem für die Haut wertvolle Inhaltsstoff das Glycerin anzutreffen ist. Mit jedem mal anwenden von fetten Pflanzenölen bzw. Fetten (bitte immer auf hydrierter sprich angefeuchteter Haut die fetten Pflanzenöle bzw. Fette sanft auftragen) machen wir uns die vielfältigen Eigenschaften von Glycerin zu Nutze und dies ist im Grunde genommen von unschätzbarem Wert für unsere Haut.

Fazit
Was aus meiner persönlichen Sicht zählt, ist die Wirkung des konkreten kosmetischen Produkts auf die eigene Haut. Im Hinblick auf Glycerin als Rohstoff in Naturkosmetik treffen bewährte (und nachgewiesene) kosmetische Eigenschaften und ein attraktiver Preis zusammen. Für mich in meiner selbst hergestellten Naturkosmetik ist pflanzliches, palmölfreies Bio-Glycerin ein absoluter Basisrohstoff für viele Einsatzgebiete, der so manchen, viel beworbenen Exoten-Wirkstoff in den Schatten stellt.

1 www.biokraft-austria.at/Default.aspx?site=biokraft-austria.at&menu=Biokraftstoffe#Produktionsdaten

Autorin:
Heike Käser, 1963 geboren, studierte Kunsterziehung, Germanistik und Pädagogik.
Seit 2006 publiziert die Autorin in Büchern, Zeitschriften, im Rundfunk und Fernsehen zum Thema "Naturkosmetik". Ihr Konzept der Herstellung von naturkosmetischen Pflegeprodukten basiert auf dem Verständnis hautphysiologischer Zusammenhänge und Wirkprinzipien, das sie seit 2007 beruflich Interessierten, seit 2015 auch für Privatpersonen unter dem Markennamen Olionatura® in theoretischen und praktisch orientierten Schulungen vermittelt. Daneben pflegt Heike Käser eine an interessierte Laien gerichtete Internetpräsenz über das Herstellen von Naturkosmetik (www.olionatura.de) und leitet ein bekanntes Internetforum für »Selbstrührer« (www.ruehrkueche.de).

Buchtipp:
Naturkosmetische Rohstoffe
Es ist Rohstofflexikon, Nachschlagewerk und Arbeitsbuch in einem.

Das Buch stellt bewährte und moderne Rohstoffe in funktionalen Gruppen vor, die in Einzelportraits im Detail beschrieben werden: Pflanzenöle und -butter, Wachse, Sterole, Lecithine, Kräuter, Emulgatoren, Tenside, Konsistenzgeber, Hydratisierer, Vitamine, Gelbildner, Konservierungsmittel, Tonerden und Lichtschutzpigmente. Übersichtstabellen erleichtern das schnelle Auffinden. Sinnvolle  naturkosmetische Rohstoffe, ihre Charakteristika und Wirkungsweise mitsamt den Kerndaten zu ihrer Verarbeitung, Kombination und kosmetischen Eignung sind dargestellt. Wer mehr über Inhaltsstoffe gekaufter Naturkosmetik erfahren, eine eigene Pflegelinie auf den Markt bringen oder einfach wirksame Kosmetik für sich selbst herstellen will: In diesem Buch sind die Antworten, die Sie brauchen und eine Fülle an Hintergrundinformationen.
Art.Nr. B40, € 35,90
www.aromapflege.com

Literaturverzeichnis:
M. Gloor, K. Thoma, J. Fluhr (2000): Dermatologische Externatherapie - Unter besonderer Berücksichtigung der Magistralrezeptur. Berlin: Springer-Verlag M. Gloor, W. Gehring: Eigenwirkungen von Emulsionen auf die Hornschichtbarriere und -hydratation. In: Der Hautarzt, April 2004, Ausgabe 54
M. Gloor, J. Bettinger, W. Gehring: Beeinflussung der Hornschichtqualität durch glycerinhaltige Externagrundlagen. In: Der Hautarzt, 1998, Ausgabe 1
Prof J. Wohlrab: Adjuvante Therapie der Atopischen Dermatitis, In: Trends in Clinical and Experimental Dermatology, hrsg. von J. Wohlrab, Aachen 2005
Käser, H. (2015): Naturkosmetische Rohstoffe. 4. Auflage. Linz: Freya Verlag

Nachzulesen in: Käser H.; Glycerin - Fluch oder Segen?; Hand in Hand mit der Natur – Das Magazin für Aromapflege und Aromatherapie 2017; 7: 10–11

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