Warum zappelt Philipp? 06.04.2016 08:48

Warum zappelt Philipp?

Zwischen Eindrücken und Reizen – Kinder mit ADHS

Wie in einer APA-Nachricht bestätigt wird, spielt eine unzureichende Zufuhr von mehrfach ungesättigten Fettsäuren u.a. bei der Erkrankung von AD(H)S eine wichtige Rolle. Dieses Syndrom tritt bei ca. 1,7 bis 3,5 Prozent aller schulpflichtigen Kinder auf. Eine der bekanntesten Studie in diesem Zusammenhang, ist die „Oxford-Durham-Studie“. Sie wurde mit 117 Kindern durchgeführt. In einem Zeitraum von 3 Monaten erhielten die Kinder entweder eine Kombination aus Omega-3 und Omega-6 Fettsäuren oder ein Placebo. Das Ergebnis dieser Studie zeigte, dass bei den Studienteilnehmern, welche die FS-Kombination erhielten, eine deutliche Verbesserung beim Lesen, der Rechtschreibung und im Verhalten eintrat (vgl. APA-Artikel, 16. März 2010, „Das richtige Fett für ADHS-Kinder“).

Sarah, 7, ist eine Chaosprinzessin. Das merkt man nicht nur in ihrem Zimmer, sondern auch in ihrer Schultasche. Doch am stärksten fällt ihre verträumte, oft abwesend wirkende und unkonzentrierte Art auf: »Na ja«, sagt Sarah´s Mutter oft: »Sie ist halt immer irgendwo auf ihrem Planeten!«

Willkommen, auf unserem Planeten …
… darf ich mir erlauben zu sagen, da ich selbst ausgeprägt von ADHS betroffen bin. Bei Sarah allerdings steht eine Diagnose noch aus, denn: Auch für Mediziner ist es nicht immer einfach, ein ADHS oder ADS zweifelsfrei festzustellen oder auszuschließen. Der Begriff selbst aber ist mittlerweile weltweit bekannt und bei zahllosen Eltern und Lehrern sogar »gefürchtet«: AD(H)S bedeutet Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Das »H« in Klammer bedeutet, dass es diese Störung auch ohne die - natürlich ziemlich auffällige - Hyperaktivität gibt.

Doch in letzter Zeit geht es mir mit der Diagnose ADHS oft ein wenig zu schnell…

»Mein Sohn«, meint der Vater des neunjährigen Patrick, »hat ganz sicher ADHS! Andauernd zappelt er nervös, klettert zwanghaft überall hinauf und kann sich kaum drei Minuten lang auf etwas Bestimmtes konzentrieren. Und die Sachen, die er täglich irgendwo vergisst. Kein Zweifel: Unser Bub ist ein Zappelphilipp und wird wohl eine Behandlung brauchen!«

Doch seit ich Patricks Familie kenne, weiß ich: Der Junge erlebt auch ohne ADHS sehr viel Hektik in seinem Umfeld! Ein Fernsehapparat, der so nebenbei mitläuft, zwei weitere, ziemlich quirlige Geschwister und obendrein zwei offensichtlich ebenfalls »hyperaktive« Hunde. Überdies läutet Patricks Handy während eines ganz normalen Nachmittags alle zwanzig Minuten. Die besorgte Mami ist mal wieder dran: »Was machst du denn gerade? Hast du schon deine Hausübung …?«

Reizüberflutung vom Feinsten. Der Junge ist nicht nur zappelig. Er ist mittlerweile auch süchtig nach all den ständig wechselnden Inputs! Sehr »ADHS verdächtig!« … So ist Patrick eines von vielen Kindern, das nun in Richtung ADHS untersucht und wohl auch behandelt werden wird. Tendenz stark steigend!

Modediagnose?
Ist ADHS also vielleicht bloß eine Modediagnose? Zuweilen könnte man es glauben, weil eben immer mehr Kinder, die in der Schule oder zu Hause mal eine Zeitlang viel »zu gut drauf« sind, oder im Gegenteil eben nicht so besonders gut drauf, plötzlich als »hyperaktiv« oder wie man leider mittlerweile oft hört, als »ADHS-krank« gelten.

Eine wirklich steigende Zahl von »Erkrankungen« ist allerdings bislang noch nicht bewiesen worden. Menschen mit ADHS hat es schon immer in vermutlich ähnlicher Häufigkeit gegeben, die derzeit bei 3 - 5 % liegt. Die Fachleute nennen das übrigens Prävalenz. Besser kann man sich diese Zahl vorstellen, wenn man von 1 - 2 betroffenen Kindern pro Schulklasse ausgeht.
Also doch keine Modediagnose? Die Vermutung liegt nahe, dass die Menschen diesem kindlichen Syndrom schlicht immer mehr Aufmerksamkeit und sicherlich auch Offenheit entgegenbringen und daher das oft sehr unterschiedliche Erscheinungsbild und »besondere Verhalten« viel eher mit ADHS in Verbindung bringen als früher.
Doch, wie Patricks Fall schon eingehend zeigt, löst natürlich die heutzutage immer schneller wachsende Reizüberflutung immer öfter auch bei ganz normalen Kindern so etwas wie »Input-Sucht« und ein dementsprechend »hyperaktives« oder eben zappeliges Verhalten aus.

Wenn aber wirklich ein ADHS vorliegt, dann »tickt« das Gehirn eines Betroffenen tatsächlich ein wenig anders:

»  Am besten stellt man sich das wie einen Radioempfänger vor, der nicht genau eingestellt ist: Zwar hört man die gesamte Nachricht, aber sie ist ziemlich verrauscht und ungenau.  «

Verrauschte Nachrichten
Irgendwo in einem kleinen Bezirk unseres von ADHS betroffenen Gehirns mangelt es dann erwiesenermaßen ausgerechnet an jenen Substanzen, welche die Aufgabe hätten, verlässlich Nachrichten weiterzugeben.

ADHS kann man also schlicht ein »Nachrichtenproblem im Gehirn« nennen!

Zu wenig oder zu viel?
Dazu kommt noch die ziemlich belastende Impulskontrollstörung, die verhindert, dass ein betroffenes Gehirn unwichtige Impulse (Geräusche, Gerüche, Bewegungen, Worte, …) ausfiltern kann. Jeder noch so unbedeutende Sinneseindruck wird als gleichwertig wahrgenommen. Eine Flut von Reizen stürmt also im Sekundentakt auf das geplagte Gehirn ein. Impulsives, unkonzentriertes, oft auch eben »gereiztes« Verhalten sind die natürlichen Folgen dieses inneren Chaos. Es ist also eher davon auszugehen, dass Menschen mit ADHS unter zuviel Aufmerksamkeit, als unter einem wirklichen »Aufmerksamkeitsdefizit« leiden. Ein völlig neuer Blickwinkel tut sich auf: Wessen Sinne zu sehr »geöffnet« sind, ist wohl auch schneller ablenkbar. Nachvollziehbar …?

Vererbung? Schicksal? Klar dürfte eine gewisse genetische Komponente an der Entwicklung eines ADHS beteiligt sein, davon gehen auch die meisten Fachleute aus. Diese Komponente stellt aber nur eine Disposition für eine bestimmte Veränderung im Gehirnstoffwechsel dar und kein unabänderliches Schicksal.

Zappelphilipps Top Tipps
»    Vermeiden Sie möglichst, die »Schwächen« Ihres Kindes durch andauernde Erwähnung auch noch aufzuwerten: »Musst du denn überall hinaufklettern?«; »Du könntest ja, wenn du nur wolltest…!«
»    Achten Sie darauf, dass Ihr Kind weniger Reizen (Handy, wechselnde Angebote, Fernsehen,…) ausgesetzt ist, sondern eher bleibende Eindrücke mitnehmen kann: Wandern im Grünen, Museumsbesuche, Brettspiele, möglichst ein einziges Hobby o. ä.
»    Besprechen Sie oftmals mit Ihrem Kind, was sie zuvor gerade gemacht haben. So lernt das reizüberflutete Gehirn, sich Erlebtes einzuprägen und es längerfristig zu behalten.
»    Denken Sie daran, dass ein ADHS-betroffenes Kind mit seinem mangelnden Selbstwertgefühl zu kämpfen hat. Daher sind Anerkennung und Lob wichtige Werkzeuge zu besserer Selbstwahrnehmung.
 »    Mein persönlicher Top-Tipp: Weniger allgemeines Lob, als vielmehr detailgenaues Loben: »Diese eine Zeile, die du da in deiner Geschichte geschrieben hast, hab´ ich besonders schön gefunden…!«
»    Bestärken Sie Ihr Kind darin, möglichst lange bei ein und derselben Sache zu verweilen.

Wie wir am Beispiel Patricks gesehen haben, gibt es eben noch viele andere Faktoren, die Einfluss auf den Ausprägungsgrad oder gar die Auslösung des Syndroms nehmen können. Diese Einflüsse werden als »psychosoziale Faktoren« bezeichnet.

 »Plastisches« Gehirn
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen von einem »plastischen Gehirn«, welches sich ein Leben lang umformt und neu orientiert. Seit Neuestem weiß man, dass nicht unser Gehirn über unser Leben bestimmt, sondern es sich vielmehr danach richtet, wie wir es hauptsächlich gebrauchen.
Was liegt also näher, als durch entspannten Umgang mit ADHS-betroffenen Kindern manch eine positive Veränderung herbeizuführen?

»  Die Geburt bringt nur das Sein zur Welt, die Person wird erst im Leben erschaffen.  «
Théodore Jouffroy

Benefits statt Defizite …
Weil die Natur für jedes Defizit immer einen Ausgleich sucht, kann ADHS auch immense Vorteile in sich bergen: So stehen Kindern mit ADHS zumeist ungeahnte, manchmal schier unerschöpfliche Energien, sprachliche Eloquenz und besondere kreative Begabungen zur Verfügung. Es gilt nur, diese zu erkennen. Wenn Kinder mit ADHS in »ihrem Element« sind, werden Sie erstaunt sein, welch hohe Auffassungsgabe und Begeisterungsfähigkeit, anstatt negativer Auffälligkeiten, plötzlich im Vordergrund stehen. Wenn Sie es aber verstehen, das wahre Potential Ihres ADHS-Kindes zu entdecken und richtig zu fördern, werden Sie später einen jungen Erwachsenen erleben, der mit höchster Hingabe und unglaublicher Entwicklungsfähigkeit seine Aufgabe meistert.

» Unser Gehirn ist nichts Anderes als ein Produzent für Gebrauchsspuren. «
William James

Für Patrick und Sarah wird es später jedenfalls nicht von Nachteil sein, wenn Ihnen Chaos vertraut ist. Es gibt viele Berufe, die »stressfeste« Persönlichkeiten geradezu dringend benötigen.

Ist es nun ADHS oder nicht?
Als Voraussetzung dafür, dass die Diagnose ADHS überhaupt in Erwägung gezogen werden kann, müssen die Symptome mindestens seit sechs Monaten vorliegen und erstmals schon vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sein! Der wichtigste Faktor aber ist, dass die genannten und als Leidensdruck wahrgenommenen Symptome in allen Lebenssituationen auftreten! Nicht nur im schulischen Kontext!

Die innere Unruhe beispielsweise, die ein ADHS den betroffenen Kindern beschert, kann man nämlich nicht so einfach abstellen! Manchmal wird sie in der Zeit der Entspannung sogar noch schlimmer.

Je früher ...
»Wichtig ist es, ADHS möglichst früh zu erkennen«. Dazu hilft vor allem leicht verständliche, seriöse Literatur über ADHS, und die Inanspruchnahme von Selbsthilfegruppen, wie dem Verein ADAPT, oder Verein KiddyCoach.

Eine endgültige Diagnose kann jedoch nur durch einen erfahrenen Arzt (Spezialisten) getroffen werden.

AUTOR:
Gerhard Spitzer - Verhaltenspädagoge, Autor von Erfolgsbüchern wie „Entspannt Erziehen“ und  „Warum zappelt Philipp?“, sowie Verfasser zahlreicher Ratgeber Kolumnen hat mit seinem großen Erfahrungsschatz, aber auch seiner immer humorvollen und konsequent kindgerechten Sichtweise auf das Thema Erziehung schon zahllosen Familien und Lehren zu einem entspannteren Umgang mit ihren Lieblingen verholfen. Einer breiten Hörerschaft ist Gerhard Spitzer durch seine Live-Talks im Radio, sowie mit seinem erfolgreichen Seminarkabarett, „Entspannte Eltern, Glückliche Kinder“ bekannt geworden.


Nachzulesen in: Spitzer, G. (2014): Warum zappelt Philipp? Zwischen Eindrücken und Reizen – Kinder mit ADHS. In: Hand in Hand mit der Natur. Das Magazin für Aromapflege und Aromatherapie, 1. Ausgabe, S. 8-10.
issuu.com/evivre/docs/aromapflegemagazin_2014-1

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Warum zappelt Philipp?
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