Ätherische Öle auf der Intensivstation 08.04.2016 12:07

Ätherische Öle auf der Intensivstation

Am Universitätsklinikum Tulln hat sich die Aromapflege seit einigen Jahren erfolgreich etabliert. Im Rahmen meiner Weiterbildung „basales und mittleres Pflegemanagement“ wurde im Jahr 2014 das Projekt „Unterstützung des Weaning-Prozesses bei IntensivpatientInnen mit Hilfe von ätherischen Ölen“ initiiert und durchgeführt, um PatientInnen mit einer chronisch-obstruktiven-Lungenerkrankung (COPD) in der Entwöhnungsphase vom Respirator zu unterstützen. Aufgrund jahrelanger Anwendung unterschiedlicher Aromapflegeprodukte von der Pflegeserie Evelyn Deutsch, war es wichtig, zu überprüfen, welche Aromaölmischung COPD-PatientInnen am besten begleiten kann und diese dann dauerhaft in den Weaning-Prozess zu integrieren.

Die Aromapflege kommt auf Intensivstationen immer mehr zum Einsatz und fällt als pflegerische Tätigkeit in den eigenverantwortlichen Tätigkeitsbereich des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege gemäß §14 im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz. Vorweg gilt zu erwähnen, dass der Altersdurchschnitt von IntensivpatientInnen jährlich ansteigt, dies bedeutet nicht nur eine längere Aufenthaltsdauer, sondern auch einen intensiveren Pflege- und Betreuungsaufwand. Viele dieser PatientInnen weisen neben ihrer Grunderkrankung auch Probleme mit dem Respirationstrakt, wie z.B. Pneumonie oder chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) auf. Mit einer zu beobachtenden steigenden Tendenz ist es notwendig, einige dieser PatientInnen an den Respirator zu nehmen.

Die Entwöhnung (= Weaning), abhängig von Grund- bzw. Begleiterkrankungen, stellt daher manchmal eine große Herausforderung für das betreuende Ärzte- und Pflegeteam dar. Im Rahmen der Versorgung von IntensivpatientInnen müssen zahlreiche Faktoren berücksichtigt werden, wie z. B. die Stressbekämpfung in der Weaningphase oder die Unterstützung des Entwöhnungsprozesses in Form von atemstimulierenden Einreibungen (vgl. Price & Price, 2009, S. 325).

Das Projekt auf der Intensivabteilung am Universitätsklinikum Tulln hat sich damit befasst, zwei unterschiedliche Aromapflegeprodukte (Atem-Aktivöl, Wohlfühl-Pflegeöl) im Weaningprozess bei COPD-PatientInnen einzusetzen und gegenüber zu stellen. Um die Ergebnisse zu untermauern, hat die atemstimulierende Einreibung bei einem Teil der Gruppe lediglich mit Mandelöl stattgefunden (Kontrollgruppe). Diese Daten wurden in Form von Erhebungsblättern gesammelt und anonym ausgewertet. Da IntensivpatientInnen in der Weaningphase oft an Tachykardie, Hypertonie, Tachypnoe und Stress leiden, haben sich genau diese Punkte auf den Erhebungsblättern wiedergefunden. Da das Monitoring auf Intensivstationen unerlässlich ist und alle IntensivpatientInnen hämodynamisch und respiratorisch überwacht werden, war es leicht möglich diese Daten aufzuzeichnen und darauf folgend auszuwerten. Die Vitalparameter (Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz) stellten die objektiven Daten der Erhebung dar. Bei der Erhebung des Wohlbefindens hat es sich prinzipiell um subjektive Daten gehandelt. Um diese erworbenen Daten jedoch objektiv aufnehmen und auswerten zu können, war es notwendig das persönlich empfundene Wohlbefinden zu kategorisieren. Dies wurde anhand einer Bewertung durch die Patientin bzw. den Patienten nach dem österreichischen Schulnotensystem 1 (= Sehr gut) bis 5 (= Nicht genügend) durchgeführt. Ziel des Projektes war es, bei positivem Ergebnis bzw. erfolgreichem Einsatz, eine der ausgewählten Aromapflegeprodukte in den Weaningprozess dauerhaft zu integrieren um somit IntensivpatientInnen physisch, psychisch und emotional in der Entwöhnungsphase zu entlasten.

Insgesamt wurden im Rahmen des Projektes 23 PatientInnen (14 Frauen und 9 Männer), welche die Grunderkrankung COPD aufwiesen, mit einem der drei Pflegeöle behandelt. Das Durchschnittsalter bei den männlichen Intensivpatienten lag bei 73 Jahren, die weiblichen Intensivpatientinnen wiesen ein Durchschnittsalter von 72,75 Jahren auf. 14 PatientInnen wurden mit dem Atem-Aktivöl, 6 mit dem Wohlfühl-Pflegeöl und 3 IntensivpatientInnen mit Mandelöl betan.
Durch die Anwendung des Atem-Aktiv Pflegeöls aus der Pflegeserie von Evelyn Deutsch konnte eine signifikante Reduktion der Atemfrequenz beobachtet werden. Keiner der 14 IntensivpatientInnen wies eine Steigerung der Atemfrequenz während oder nach der atemstimulierenden Einreibung auf. Generell beschrieben die PatientInnen danach ein angenehmeres Körpergefühl und erlebten laut eigenen Aussagen ein besseres Wohlbefinden, welches sich bei der Auswertung des Wohlbefindens wiederspiegelt. Die restlichen Vitalparameter wie Herzfrequenz und Blutdruck zeigten nur minimale, jedoch keine signifikanten Veränderungen.

Die Auswertung der gewonnenen Daten im Bezug auf die Anwendung des Wohlfühl-Körperöls von der Pflegeserie Evelyn Deutsch zeigte eine Verbesserung des Wohlbefindens. Im Rahmen der atemstimulierenden Einreibung äußerten die PatientInnen eine spürbar angenehme Pflegehandlung und fühlten sich durchwegs wohler, entspannter und stressreduzierter. Eine signifikante Veränderung bzw. Beeinflussung der anderen Parameter konnte nicht beobachtet werden.
Bei den gewonnenen Ergebnissen der PatientInnen, welche mit Mandelöl versorgt wurden, zeigte sich lediglich eine Besserung des Wohlbefindens. Die IntensivpatientInnen fühlten sich gepflegt, frisch und entspannter. Alle anderen Parameter wiesen keine signifikanten Veränderungen auf. Letztendlich stellte die Anwendung des Mandelöls die Kontrollgruppe dar und sollte somit aufzeigen, dass die ätherischen Ölmischungen eventuell Einfluss auf den Organismus haben können.

Die Implementierung der Aromapflege hat am Universitätsklinikum Tulln schon vor einigen Jahren stattgefunden und sich bis heute gut etabliert. Auf der interdisziplinären Intensivstation am Klinikum Tulln wird die Aromapflege in Form von Hautpflegeprodukten, Waschzusätzen und als Raumbeduftung angeboten. Im Rahmen des Projektes wurden bereits eingesetzte ätherische Ölmischungen im Weaningprozess gegenübergestellt und verglichen. Durch die genaue Erhebung und Dokumentation der Vitalparameter und des Wohlbefindens konnten Schlüsse gezogen werden, inwieweit sich die eingesetzten Aromapflegeprodukte positiv auf den menschlichen Organismus auswirken können.
Bei der atemstimulierenden Einreibung mit dem Atem-Aktiv Pflegeöl konnte eine signifikante Reduktion der Atemfrequenz erkannt werden. Da PatientInnen in der Weaningphase erhöhte Atemarbeit leisten müssen und deshalb eine Tachypnoe erstes Anzeichen für ein prolongiertes Weaning sein kann, war es wichtig im Rahmen der Anwendung mit dem Atem-Aktiv Pflegeöl die Atemfrequenz senken zu können. Die anderen Vitalparameter wie Blutdruck und Puls blieben mehr oder weniger unverändert bzw. zeigten keine signifikanten Veränderungen. Nach den Auswertungen der einzelnen PatientInnen konnte jedoch festgestellt werden, dass das Wohlbefinden durch die Anwendung bzw. Einreibung aller drei Pflegeprodukte positiv beeinflusst werden konnte. Hier nahm die Aromapflege angstlösende, beruhigende und unterstützende Wirkung auf das Wohlbefinden. Alle PatientInnen äußerten ein durchwegs angenehmes, positives sowie wärmendes Gefühl und waren sehr dankbar.

Die Steigerung des Wohlbefindens lässt sich möglicherweise auf die ätherischen Öle Orange, Benzoe siam und Rose zurückführen.
Die Inhaltsstoffe des Atem-Aktiv-Pflegeöls, vor allem 1,8-Cineolhaltige ätherische Öle, sind unter Umständen für das verbesserte, tiefe Durchatmen und somit für die Reduktion der Atemfrequenz und den erfolgreichen Einsatz im Weaning-Prozess verantwortlich.
Da speziell zum Thema 1,8-Cineol und mukoziläre Clearance keinerlei Studien vorhanden sind, wäre es daher durchaus interessant und wünschenswert die gewonnen Ergebnisse der statistischen Auswertung, anhand einer größeren Patientenzahl, eingehender wissenschaftlich zu erforschen.

Abschließend gilt zu erwähnen, dass die Durchführung der atemstimulierenden Einreibung mit ätherischen Ölmischungen im Weaningprozess für das Pflegepersonal keinen besonderen Mehraufwand darstellt. Daher war es mit dem Projekt auch wichtig dies aufzuzeigen und als pflegerische Handlung in das bereits bestehende Weaningschema dauerhaft zu integrieren.

Prozentueller Einsatz der Öle
Im Rahmen der Auswertung und im Hinblick auf die bildnerische Darstellung wurden die gewonnenen Daten zusammengefasst und als Durchschnittswerte dargestellt. Um den Blutdruck der PatientInnen graphisch auf einem Diagramm präsentieren zu können, war es notwendig den sogenannten MAP (middle-aterial-pressure bzw. mittlerer-arterieller Druck) zu berechnen und davon den Durchschnittswert aufzuzeigen. Somit findet sich in den folgenden Diagrammen der mittlere, arterielle Druck wieder.

Berechnung des MAP
(Systole + Diastole + Diastole) / 3 = MAP in mmHg
Bsp.: (160+75+75) / 3 = 103,33mmHg

Für eine bessere und übersichtlichere Präsentation der Ergebnisse der Vigilanz bzw. des Wohlbefindens wurden die gewonnenen Werte mit 10 multipliziert, also in einer Zehnerpotenz dargestellt. In den folgenden Diagrammen finden sich Herzfrequenz (HF), Blutdruck (RR-MAP), Atemfrequenz (AF) und Vigilanz (Wohlbefinden) wieder. Die Angabe der Herzfrequenz erfolgt in Schläge pro Minute und die errechneten Durchschnittswerte des Blutdruckes beziehen sich auf mmHg. Die Atemfrequenz wird in Atemzügen pro Minute und das Wohlbefinden auf einer Skala von 1-5 des Schulnotensystems mit 10 multipliziert dargestellt.

prä = vor der aromapflegerischen Anwendung
post = nach der aromapflegerischen Anwendung
P1 – P 23 = Kennzahl Patient
M = männlich
W = weiblich

Vollbeleg Literatur (verwendete Literatur im Projektbericht):
Baermann, Andrea & Vonier, Ralf (2010): Atmung, Atemtherapie und Beatmung. In: Ullrich, Lothar / Stolecki, Dietmar / Grünewald, Matthias (2010): Intensivpflege und Anästhesie. 2. Aufl., Stuttgart, Georg Thieme Verlag KG.
Deutsch, Evelyn / Buchmayr, Bärbl / Eberle, Marlene (2013): Aromapflege Handbuch. Leitfaden für den Einsatz ätherischer Öle in Gesundheits-, Krankenpflege und Sozialberufen. 2. Aufl., Pflach, Aromapflege.com.
Eichinger, Manuela / Jauker, Cornelia / Karner, Gabriele / Schwarz, Andrea / Otzlberger, Elisabeth / Rest, Brigitte (2011): Handbuch Richtlinien zur Aromapflege. 2. Aufl., Tulln
Heck, Michael / Fresenius, Michael / Busch, Cornelius J. (2014): Repetitorium Anästhesiologie. Heidelberg, Springer-Verlag.
Krist, Sabine / Buchbauer, Gerhard / Klausberger, Carina (2008): Lexikon der pflanzlichen Fette und Öle. Wien, Springer-Verlag.
Larsen, Reinhard & Ziegenfuß, Thomas (2013): Beatmung. Indikationen – Techniken – Krankheitsbilder. 5. Aufl., Heidelberg, Springer-Verlag.
Oczenski, Wolfgang (Hrsg.) (2008): Atmen – Atemhilfen. Atemphysiologie und Beatmungstechnik. 8. Aufl., Stuttgart, Georg Thieme Verlag KG.
Price, Shirley & Price, Len (2009): Aromatherapie. Praxishandbuch für Pflege-, Kosmetik- und Gesundheitsberufe. 2. Aufl., Bern, Verlag Hans Huber.
Rockmann, Felix (Hrsg.) (2011): Taschenbuch Monitoring Intensivmedizin. 2. Aufl., Regensburg, medizinisch wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
Schimmelpfennig, Doris / Demleitner, Margret; Langer, Angelika / Oberländer, Maximiliane (2005): Aromapflege. In: Forum für Aromatherapie und Aromapflege, 27, 1
Schönhofer, Bernd & Pfeifer, Michael (2010): WeanNet-Kompetenzwerk pneumologischer Weaningzentren. Patientenregister und Akkreditierung der Zentren. Der Pneumologe, 7, 121-124.
Wabner, Dietrich & Beier, Christiane (2009): Aromatherapie. Grundlagen, Wirkprinzipien, Praxis. München, Urban & Fischer Verlag
Werner, Monika (Hrsg.) (2011): Mind-Maps® Aromatherapie. Stuttgart, Karl F. Haug Verlag
Werner, Monika & von Braunschweig, Ruth (2009): Praxis Aromatherapie. Grundlagen – Steckbriefe – Indikationen. 2. Aufl., Stuttgart, Karl F. Haug Verlag.
Wilpsbäumer, Stefan & Ullrich, Lothar (2010): Atmung, Atemtherapie und Beatmung. In: Ullrich, Lothar / Stolecki, Dietmar / Grünewald, Matthias (2010): Intensivpflege und Anästhesie. 2. Aufl., Stuttgart, Georg Thieme Verlag KG.
Zeh, Katharina (Hrsg.) (2009): Handbuch Ätherische Öle. 65 Duftöle für die Hausapotheke, Schönheit und Genuss. Oy-Mittelberg, Joy Verlag GmbH

Autor:
Manuel Moreno-Huerta, geb.1987 in Tulln
2007 Diplom der allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege, Tulln
seit 2008 DGKP am Universitätsklinikum Tulln, interdisziplinäre Intensivstation
2011 Sonderausbildung „Intensivpflege und Anästhesie“, Barmherzige Brüder Wien
2013-2014 „Basales und mittleres Pflegemanagement“, Fortbildungsakademie AKH Wien
„Aromainteressierter“, mehrere Fortbildungen zum Thema „Aromapflege“ absolviert


Nachzulesen in: Moreno-Huerta, M. (2015): Ätherische Öle auf der Intensivstation. In: Hand in Hand mit der Natur. Das Magazin für Aromapflege und Aromatherapie, 3. Ausgabe, S. 14-16.
issuu.com/evivre/docs/aromapflegemagazin_2015-2_issuu

Bildnachweis: © aromapflege.com, Grafiken: markushechenberger.net

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