Wenn das Anfassen zum Berühren wird – Die Bedeutung der Aromapflege 12.04.2016 12:10

Wenn das Anfassen zum Berühren wird – Die Bedeutung der Aromapflege

In diesem Magazinbeitrag wird die Rolle der Aromapflege in Bezug auf körperlichen Kontakt zwischen Pflegepersonen und Patientinnen sowie Patienten dargestellt und im Kontext zum Thema „Wenn das Anfassen zum Berühren wird – körperlicher Kontakt auf Palliativstationen“ (Kamleitner & Mayer, 2015) beleuchtet.

In der Masterarbeit von Doris Kamleitner, betreut von Hanna Mayer (2015) wurde das Erleben des wechselseitigen (1) und doppeldeutigen (2) Phänomens der Berührung auf Palliativstationen von Seiten der Patientinnen und Patienten sowie Pflegepersonen untersucht. Die Hauptforschungsfrage lautete: „Welche Bedeutung hat Berührung im Rahmen pflege-therapeutischer Handlungen, aus Sicht der Betroffenen sowie aus Sicht der Pflegenden, in der Palliativpflege?“ (ebd., 2015). In einer Unterfrage sollte erforscht werden, ob die Berührung im Rahmen der Aromapflege anders erlebt wird, als die Berührung während der Hilfestellung bei den Aktivitäten des täglichen Lebens. Um die Fragestellungen beantworten zu können, wurden 19 Interviews (zwölf mit Pflegepersonen, sieben mit Patientinnen und Patienten) auf Palliativstationen in Österreich und Deutschland geführt, mit dem Ziel, das vielseitige Phänomen der Berührung aus Sicht der Pflegepersonen sowie Patientinnen und Patienten verstehbar und erfahrbar zu machen. Es galt, einen Beitrag zum besseren Verständnis zu leisten sowie Wissen über das Empfinden der Berührung zu generieren.

Durch die phänomenologische Auswertung nach Moustakas (1994) konnten fünf Haupt- und fünf Unterthemen zur Beschreibung des Phänomens der Berührung identifiziert werden. Es zeigt sich, dass das Anfassen im Zuge pflegerischer Tätigkeiten sowohl für Patientinnen und Patienten, als auch für Pflegepersonen als selbstverständlich gilt. Vom Anfassen zum Berühren führt ein Weg, den sich Patientinnen und Patienten sowie Pflegepersonen gemeinsam erarbeiten. Dazu bedarf es bestimmter Voraussetzungen, wie Sympathie, Vertrauens- und Beziehungsaufbau. Die Berührung ist mehr als bloßes Anfassen und es wird zwischen körperlichem und emotionalem berühren und berührt werden unterschieden. Sowohl beim Anfassen, als auch beim Berühren gibt es für die Pflegepersonen und Patientinnen sowie Patienten Grenzen, die es einzuhalten gilt. Die Berührung kann auslösend für emotionale Gespräche sein. Sind die Voraussetzungen für das Berühren und Berührt werden erfüllt, so kann ein Wechselspiel zwischen berühren und berührt werden entstehen. Die Berührung mittels ätherischer Öle (Aromastreichung) kann als Besonderheit angesehen werden, wenn die Intention der Berührung jene des Vermittelns von Wohlbefinden ist.

1: Der Begriff „berühren“ ist wechselseitig, denn sobald die Pflegeperson die Hand einer Patientin / eines Patient berührt, so berührt die Patientin / der Patient auch die Hand der Pflegeperson.

2: Der Begriff „berühren“ weißt eine Doppeldeutigkeit auf, weil Berührung nicht nur auf der Haut stattfinden kann, sondern auch die emotionale Komponente mit einzubeziehen ist: die Berührung, die unter die Haut geht.

Bei der Anwendung ätherischer Öle wird zwischen dem Einsatz im Zuge von Prophylaxen und dem Einsatz für das Wohlbefinden, Aromastreichungen, unterschieden. Wird ein ätherisches Öl beispielsweise im Zuge eines Standards zur Dekubitusprophylaxe eingesetzt, so spricht man von Pflege oder anfassen. Der körperliche Kontakt, gestaltet mit einem ätherischen Öl, ist an sich nicht anders, von der Intention der Pflegeperson ist abhängig, ob man sich im Anfassen oder im Berühren befindet. Die Pflegepersonen führen Aromastreichungen bei palliativen Patientinnen und Patienten durch, um einerseits Symptome wie Unruhe, Angstzustände oder Schmerzen zu reduzieren, andererseits um dem Auftrag des „da-seins“, den es auf Palliativstationen zu erfüllen gilt, gerecht zu werden. Die Patientinnen und Patienten beschreiben, dass durch Aromastreichungen einerseits Symptome gelindert werden können, andererseits Gefühle wie Geborgenheit vermittelt werden.

Um Aromastreichungen durchführen zu können, müssen die Voraussetzungen für das Berühren und Berührt werden erfüllt sein. Eine Aromastreichung, mit der Intention Wohlbefinden zu vermitteln, stellt ein freiwilliges Angebot, ein „Zusatzangebot“ abweichend von der routinemäßigen Pflege dar, welches die Pflegepersonen nur Patientinnen / Patienten anbieten, bei denen die Voraussetzungen für das Berühren erfüllt sind. Andererseits kann eine Aromastreichung dazu beitragen, dass die Beziehung zwischen Pflegepersonen und Patientinnen / Patienten intensiviert wird, denn eine Beinstreichung zuzulassen stellt aufgrund dessen, dass Füße „[….] ein Tabuthema sind, [….]“ (Pflegeperson 6) einen großen Vertrauensbeweis dar. Sind die Voraussetzungen für das Berühren erfüllt, so bieten die Pflegepersonen nach ihrem Gefühl Aromastreichungen an. Die Patientinnen und Patienten schätzen die Zeit, die sie von den Pflegepersonen geschenkt bekommen, da eine Aromastreichung auch eine Vorbereitungszeit gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten beinhaltet, denn den Pflegepersonen ist es wichtig, die Patientinnen und Patienten bei der Auswahl des Aromapflegeproduktes mit einzubeziehen, um ihnen ein Mitspracherecht einzuräumen sowie die Aufrechterhaltung der
Autonomie zu gewährleisten. Die Pflegepersonen sprechen den Aromapflegeprodukten eine Wirkung zu, machen sich im Vorhinein Gedanken darüber, welches Aromapflegeöl für die Patientinnen und Patienten geeignet sein könnte und besprechen dies dann gemeinsam mit ihnen. Somit fühlen sie sich nicht mehr nur als Patientin oder Patient, sondern als Mensch wahrgenommen, denn ihre Meinung scheint wichtig zu sein.

Die Pflegepersonen verbinden mit einer Aromastreichung das Gefühl, der Patientin / dem Patient etwas Gutes tun zu können und auch für sie selbst ist die Durchführung einer Aromastreichung eine Abwechslung zum Alltag, welche über die pflegerischen Tätigkeiten hinausgeht. Während der Aromastreichung fragen die Pflegepersonen nach dem Wohlbefinden der Patientin / des Patient, um keine Grenzen zu überschreiten. Stets muss beachtet werden, dass eine Berührung auch schmerzhaft oder negativ empfunden werden kann. Zudem gilt es zu bedenken, dass nicht nur die Patientin / der Patient die Wirkung der Aromastreichung erfährt, sondern auch die Pflegeperson, welche die Aromastreichung durchführt: auch sie riecht das Aromapflegeöl bzw. spürt das Öl auf ihrer Haut. Somit stellt eine Aromastreichung eine gemeinsame Erfahrung für die Pflegeperson und die Patientin / den Patient dar, was zu einer Intensivierung ihrer Beziehung führt: „[….] im Grunde genommen kommt dir die Person immer näher und die Hände und die kann mich dann überall massieren“ (Patientin 7).

Die Pflegepersonen beschreiben, dass manche Patientinnen und Patienten während oder nach einer Aromastreichung zu einem Gespräch bereit sind und über belastende Themen sprechen können, weil sie durch diese „Zusatztätigkeit“ der Pflegeperson das Gefühl einer besonderen Wertschätzung erhalten. Sie sind in der Lage, sich der Pflegeperson, die ihnen bewusst Zeit schenkt, anzuvertrauen. Zudem kann über eine Aromastreichung nicht nur eine körperliche, sondern auch eine emotionale Berührung stattfinden, indem die Patientinnen und Patienten über die Gerüche an Situationen erinnert werden, „[….] Das ist für für manche so ein Stück `Heimat holen´“ (Pflegeperson 8). Zudem erinnern sich sowohl die Pflegepersonen als auch Patientinnen und Patienten an das gemeinsame Erlebnis der Aromastreichung. Die Pflegepersonen geben an, dass über die Aromastreichung Last von den Patientinnen und Patienten genommen werden kann, weil dadurch ein „Loslassen“ ermöglicht wird. Es gilt zu beachten, dass die Pflegepersonen Maßnahmen kennen, um die erhaltene Last nicht zur eigenen Belastung werden zu lassen.

Der Geruch und die Wirkung der Aromapflegeöle können dazu beitragen, dass die Patientinnen und Patienten Wohlbefinden erhalten, ihre Stimmung besser wird oder ihre Symptome gelindert werden. Die Patientinnen und Patienten schätzen die Abwechslung zum Stationsalltag und die Ablenkung von ihrer Krankheit. Während einer Aromastreichung konzentrieren sie sich nur auf die Hände der Pflegeperson und genießen im Anschluss daran den Geruch des Aromapflegeöls, welcher lange erhalten bleibt und in der Lage ist, den „sterilen Krankenhausduft“ zu überdecken. Aus diesen Gründen werden Aromastreichungen von den Patientinnen und Patienten gewünscht und geschätzt. Somit kann gesagt werden, dass Pflegepersonen, die Aromastreichungen anbieten und sich im stressigen Klinikalltag bewusst Zeit für die Patientin / den Patient nehmen der Erfüllung des Wunsches nach ganzheitlicher Pflege einen großen Schritt näher kommen.

Literaturverzeichnis:
Kamleitner, D., & Mayer, H. (2015). Wenn das Anfassen zum Berühren wird. Körperlicher Kontakt auf Palliativstationen. Unveröffentlichte Masterarbeit. Wien: Universität Wien, Institut für Pflegewissenschaft.
Moustakas, C. (1994). Phenomenological Research Methods. London, New Delhi: Sage Publications, Inc..
 

Autorin:
Doris Kamleitner, BScN, MA wurde 1990 in Melk geboren. Sie maturierte im Jahr 2008 im Gymnasium Wieselburg und schloss 2012 die Ausbildung zur diplomierten Gesundheits- und Krankenschwester an der Pflegeakademie der Barmherzigen Brüder in Wien ab. Außerdem hat sie einen Bachelorabschluss in Pflegewissenschaft, welchen sie im Jahr 2012 über die UMIT (Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik) erwarb. Ihren Masterabschluss, ebenfalls in Pflegewissenschaft, erwarb sie 2015 an der Universität Wien.
Jetzt ist es für Frau Kamleitner, BScN, MA an der Zeit, ihre Tätigkeit als DGKS wieder aufzunehmen, um das im Studium erworbene Wissen in der Praxis anwenden zu können.


Nachzulesen in: Kamleitner, D.; Wenn das Anfassen zum Berühren wird - Die Bedeitung der Aromapflege; Hand in Hand mit der Natur – Das Magazin für Aromapflege und Aromatherapie 2016: 6; 21-23
issuu.com/evivre/docs/aromapflegemagazin_2016-6_issuu/1

Bildverzeichnis: © Arman Zhenikeyev/Shutterstock.com

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