GRASSE - geheimnisvolle, duftende Stadt der Nasen 12.04.2016 10:54

GRASSE - geheimnisvolle, duftende Stadt der Nasen

Die Franzosen nennen diese Stadt liebevoll „Der Balkon der Côte d‘Azur“. Die mittel-alterliche Stadt liegt auf einem steilen Berghang. Klein und verträumt. Dunkle, enge Gassen durchdringen seinen Stadtkern, in dem kein Auto fahren kann. Düfte buhlen um die Nasen, an jeder Ecke riecht es anders und verführerischer. Augenblicklich fühlt man sich in eine andere Zeitepoche versetzt. Könnt Ihr es auch schon riechen? Schließt die Augen und lasst die Düfte von Lavendel, Neroli, Rose am Tag sowie Jasmin und Tuberose in der Nacht auf Euch wirken. Es war ein unglaubliches Duftpotpourri, welches ich im letzten Sommer erleben und als ewige Erinnerung mit nach Hause nehmen durfte.

Im Sommer 2015 ging endlich ein lang ersehnter Traum in Erfüllung. Ich flog mit meiner Tochter nach Nizza in Frankreich um Grasse, die Stadt der Parfümeure zu erkunden. Ich möchte Euch heute mitnehmen durch einen kleinen Rundgang durch diese faszinierende Duftstadt und Euch zeigen, warum ich diese Stadt zu einer meiner Lieblingsstädte erkoren habe. Also, nachdem wir uns in Nizza ein Mietauto genommen haben, fuhren wir ca. eine Stunde Richtung Westen. Als Gepäck hatten wir neben den üblichen Reiseutensilien nur drei Dinge:

1.    eine Fotokamera
2.    das Wissen, dass hier Duftgeschichte geschrieben wurde und
3.    eine lange Liste mit Sehenswürdigkeiten, welche wir unbedingt besuchen wollten.

Erste Eindrücke
Bereits auf der Fahrt zu unserem Hotel wurden wir mit traumhaften Landschaften belohnt. Sanfte Hügel, ein mildes Klima und man glaubt es kaum, hier und dort entdeckten wir auch Eukalyptusbäume. Gleich neben zahlreichen Zypressen und Olivenbäumen. Wir wurden immer neugieriger und aufgeregter. Nach dieser kurzweiligen Fahrt, fanden wir rasch unser Hotel, checkten umgehend ein und suchten uns mittels Stadtplan den Weg ins Stadtzentrum. Am Tag unserer Ankunft fand gerade der Triathlon in Grasse statt, daher machten wir uns zu Fuß auf, denn die Rezeptionistin erklärte uns, dass heute keinerlei Parkplätze mehr frei seien. Uns machte dies nichts aus, nach Flug und Autofahrt gingen wir frohen Mutes los.

Grasse liegt zwischen dem Mittelmeer und den südlichen Alpen, steil am Hang eines Berges. In seine malerischen, engen Gassen dringt nur hie und da ein Sonnenstrahl. Teilweise waren die Gassen so eng zusammengewachsen, dass kaum einen Unterarm breit Platz zum Durchgehen war. Uns viel ebenfalls gleich auf, dass in den „wichtigsten“ Altstadtgassen aus vielen Schlauchleitungen Flüssigkeit gesprüht wurde. Zuerst fanden wir das sehr verwunderlich, bis uns endlich ein Licht aufging. Hier wurden die Gäste mit duftenden Wässern empfangen. Es kühlte nicht nur, sondern es roch verführerisch nach Rose. Es war einfach einzigartig und angenehm. Wo gibt es das noch, mir viel keine andere Stadt ein. Unser erster Überblicksrundgang führte uns also durch besonders enge, verträumte Gassen, es war ein regelrechtes Labyrinth aus Gassen und kleinen Plätzen. Natürlich gab es auch eine Menge Treppen und wir entdeckten an jeder Ecke neue Düfte und Spannendes. Hier das „Internationale Museum“ und dort eine riesige Parfumflasche in der Mitte eines Kreisverkehrs usw.. Wir kamen aus dem Staunen und Fotografieren gar nicht mehr heraus. Der Blick in Richtung Tal war ebenfalls atemberaubend schön. Mittlerweile ganz schön hungrig und durstig vom vielen Herumlaufen, suchten wir uns in einer der zahlreichen Gassen ein kleines Lokal um uns mit den herrlichen französischen Speisen zu stärken. Satt und müde ging unser erster Rundgang zu Ende und wir machten uns auf den ca. 40-minütigen Rückweg.

Überall Düfte und Duftgeschichte
An den folgenden Tagen wollten wir alles ganz genau erkunden. Als Erstes fuhren wir mit der kleinen gelben Bahn „Le petit train de grasse“ durch die entzückenden Gässchen. Bunte Hauswände und humorvoll erzählte Geschichte. Direkt in einem kleinen Park, gegenüber dem Kongresspalais, vor dem Eingang in die Altstadt und zwischen der berühmten, rot bemalten Hausfront des internationalen Museums und neben der großen Parfumfirma Fragonard ging es los. (Aufgrund der Fülle an Informationen bitten wir gleich um Verzeihung, sollten wir etwas vergessen haben.) Wir führen alsbald zu dem Place aux Aires. Gerade räumten Straßenhändler ihre Verkaufsstände weg, um den Mittagstischen der anliegenden Restaurants Platz zu machen, denn schon bald würden die Tische mit hungrigen Menschen gefüllt sein. Früher, also im Mittelalter, gingen hier auf diesem Platz die Gerber ihrer schweren Tätigkeit nach. Sie produzierten u. a. wertvolles Leder, welches der Stadt zu einem guten Ruf und auch Wohlstand verhalf. Später in der Renaissance wurden die ersten Handschuhe parfümiert und die Gerber und Parfümeure erfreuten damit ihre zahlreiche adelige Kundschaft. Grasse wurde zur Stadt der Düfte und wir waren auf den Spuren von Jean-Baptiste Grenouille unterwegs! Im Jahre 1614 schuf der damalige König, Ludwig XIII, den Titel „Handschuh- und Parfümeurmeister“. 300 Sonnentage pro Jahr, das milde Klima und die Bodenbeschaffenheit rund um Grasse ließen unzählige Duftpflanzenfelder entstehen. Felder von Centifoliarosen, Hyazinthen, Jasmin, Mimosen, Tuberosen usw. prägten neben vielen Zypressen und Olivenhainen das landschaftliche Bild.

Aber weiter mit der kleinen entzückenden Bahn auf eine Hügelkuppe zur Kathedrale „Notre-Dame-du-Puy“ aus dem 13. Jahrhundert und dem heutigen Rathaus bis hin zum Aussichtspunkt mit atemberaubend schönem Panoramablick. Ende der Fahrt war der ursprüngliche Ausgangspunkt. 

Weiter auf Schusters Rappen unterwegs
Gleich neben dem Park (direkt vor dem ehemaligen Casino, dem heutigen Kongresszentrum) war ein kleiner Kreisverkehr mit einem Springbrunnen. In der Mitte dieses Brunnes entdeckten wir eine riesige Konstruktion einer Parfumflasche mit den klassischen Blumen von Grasse – (ich hoffe, wir erinnern uns richtig) Jasmin, Rose, Tuberose und Orangenblüte.

Hier vom Cours Honoré Cresp. geht es weiter dem Boulevard entlang. Er ist gesäumt von unzähligen Palmen. Diese Straße hat ihr eigenes, entzückendes Flair. Hier kommt Ihr auch gleich zum Internationalen Museum (MIP). Wer sich, so wie ich, nicht nur für die Düfte selbst, sondern auch für die Geschichte der Parfümerie interessiert, wird hier viel Neues und Spannendes entdecken. In der Wiege der Parfumstadt entstand das heutige Internationale Museum im Jahr 1918 als ein kleines Privatmuseum. Im Laufe der Jahre wurde es mehrmals um- und ausgebaut. Die wunderschöne und bekannte rotbraune Häuserfront ist Teil der Stadtmauer (heutiger Ausgang des Museums) und sie blieb in ihrem Ursprung erhalten. In dieser wundervollen Einrichtung erfährt man viel über die Geschichte und Entstehung des Parfümeurberufes, die Herstellung der Düfte, alles angefangen bei der Antike bis heute. Es umfasst die Zeitgeschichte von vier Jahrtausenden und gibt einen guten Überblick über die Bedeutung des Parfums von einst und jetzt. Versäumt auch nicht dem traumhaften kleinen mediterranen Garten, im Innenhof des Museums, einen Besuch abzustatten. Er wird umsäumt von Zypressen und Zitrusbäumen. Nehmt Euch Zeit und genießt die wundervolle duftende Luft auf einer der zahlreichen Sitzgelegenheiten und bewundert die restaurierte Statue von Napoleons Schwester Prinzessin Pauline. Auch hier sprüht aus den Hecken wohlriechendes Wasser.




Internationales Museum der Parfümerie MIP
Adresse: 2 Boulevard du Jeu de Ballon, 06130 Grasse

Öffnungszeiten:
Mai bis September täglich von 10.00 bis 19.00 Uhr
Oktober bis April täglich von 10.00 bis 17.30 Uhr
Geschlossen: 1.Mai, 25. Dezember, 1. Januar

Führungen:
Juli und August täglich um 11.00 und 14.00 Uhr
September bis Juni jeden Samstag und Sonntag um 15.00 Uhr

 


Nach dem Besuch des Internationalen Museums geht es den Boulevard weiter hinauf. Hier findet Ihr viele kleine Restaurants und Bistros. Jeder lädt mit einer anderen Leckerei zum Verweilen und Rasten ein. Nach einer kleinen Weile biegen wir rechts in die Altstadt hinein und gelangen wieder zum „Place aux Aires“. Wir überqueren diesen und erreichen alsbald die Rue Oratoire. Gemeinsam mit dem Osmologen Martin Henglein, einem der bekannten Pioniere der Aromaszene, besuchten wir den Parfümeur Didier Gaglewski.

Seine Wirkstätte befindet sich in einem der ältesten Häuser vom historischen Grasse. Er kreiert und verkauft Parfums aus naturreinen ätherischen Ölen. Sie sind einfach ein Gedicht und wir konnten uns gar nicht satt riechen an seinen Kreationen. Er erzählte uns viel über die Schwierigkeiten, selbstständig (ohne große Firma) seine eigenen Produkte vermarkten zu können. Gemeinsam mit Martin haben wir auch noch eine besonders bemerkenswerte Dame besucht, welche sich wieder mit der Herstellung von Düften mittels Enfleurage (siehe Seite 10) beschäftigt. Vorerst verlassen wir unseren neuen Bekannten und Freund Didier und bald darauf entdecken wir eine bemalte Hauswand von einer Bäckerei, gegründet 1923, mit fladenbrotähnlichen Gebäckstücken. Diese gehört zum Haus Venturine. In der 4. Generation wird hier von Thierry und Cyril Mauro, neben allerlei sonstiger süßer Leckereien, ein traditionelles Brot u. a. aus Orangenblütenwasser hergestellt. Es nennt sich „Fougassette“. Das müsst Ihr einfach kosten. Das ist eine der berühmten Spezialitäten aus Grasse.

Geschätzte 60 Parfumfirmen gibt es noch
Grasse beherbergt viele größere und kleinere Parfumfirmen. Die Bekanntesten und Größten sind mit Sicherheit Fragonard, Molinard und Galimard. Alle drei haben mehrere Häuser in Grasse, am beeindruckendsten fanden wir jedoch die historische Parfumfabrik Fragonard aus dem Jahre 1782 und Molinard, sein Gebäude erinnert an eine historische traumhafte kleine Burganlage. Sie alle bieten kostenlose Führungen und die Parfumfabriken Molinard und Galimard bieten in ihren Parfumateliers auch Workshops zum Kreieren eigener Parfums an. Diese können dann auch jederzeit nachbestellt werden. In den einzelnen Firmengebäuden erfährt man allerhand rund um das Thema Parfums, Seifen, der jeweiligen Firmengeschichte, der verschiedenen Gewinnungsarten von Düften usw.. Wir finden man sollte sich zumindest eine dieser Firmen näher ansehen und eine Tour durch die Gebäude und ihre beherbergte Geschichte machen.

Traumhafte Blumenfeste

Abgesehen von den Gebäuden und deren Geschichte gibt es natürlich auch viele blühende Parks, Blumenfelder und Gärten in Grasse und Umgebung zu besichtigen, sowie zum richtigen Zeitpunkt auch „Blumenfeste“ zum Mitfeiern. Vor einigen Jahrzehnten konnte man noch unzählige Felder und wild wachsende Blumen rund um Grasse herum erblicken, diese mussten leider großteils Wohnsiedlungen und Umsatzrückgängen weichen. Aber welche einzigartige Duftwolke hat der Wind jedes Mal in die Stadt geschickt. Schade, dass wir das nicht mehr erleben können. Trotzdem findet Ihr noch überall duftende Pflanzen. Wir entdeckten z. B. Immortelle, Jasmin, Rose, Zitrusbäume, Zypressen, Olivenhaine, Tuberosen-, Lavendelfelder und noch vieles mehr. Heute gibt es noch ca. eine Hand voll Erzeuger/Anbauer von Jasmin und ca. 30 für die Centifoliarose.

Riesige jährliche Highlights in Grasse sind Anfang Mai die „Expo Rose“ das Rosenfest und Anfang August das Fest zu Ehren des Jasmin „Fete du Jasmin“. Leider waren wir ja genau zwischen den Festen in Grasse, das hat aber unserem Besuch absolut keinen Abbruch getan.

Rosenfest
Zwischen 25.000 und 50.000 Rosen schmücken seit 1971 im Mai zahlreiche Brunnen und Fassaden der Altstadt. Es muss ein wahrer Rosentraum sein, wenn sich unzählige prächtig blühende Rosen aneinanderreihen. Hauseingänge sind damit eingerahmt und von Haus zu Haus werden Rosengirlanden gespannt. Alles üppig umsäumt mit der Rose, um nicht zu sagen, die Rose erobert die Stadt der Blumen und Düfte.

Jasminfest
Ein Feuerwerk, ein Fahrradwettbewerb (hier werden überall die Fahrräder mit Blumen geschmückt), Festwagen, Musikkapellen, Tänzer usw. sind nur einige Höhepunkte des Festes. Das erste Jasminfest wurde bereits 1946 gefeiert.

MIP-Gärten
Adresse:
979 chemin des Gourettes,
06370 Mouans-Sartoux

Öffnungszeiten:
April bis August täglich von 10.00 bis 19.00 Uhr
September bis11. November
täglich von 10.00 bis 17.30 Uhr

Geschlossen:
1. Mai, 12. November bis Ende März

Führungen:
Juni, Juli, August jeden Samstag um 17 Uhr
April, Mai, September bis 11. November
jeden Samstag um 15 Uhr

Unsere Reise in die Stadt der Nasen ist zwar zu Ende, aber sie bleibt für immer eine meiner Lieblingsstädte und die Erinnerung an diesen herrlichen und inspirierenden Urlaub bleibt auf immer bewahrt. Wer weiß, vielleicht komm ich ja bald wieder!
Waltraud Reischer


Nachzulesen in: Reischer, W. (2016): Grasse - geheimnisvolle, duftende Stadt der Nasen. In: Hand in Hand mit der Natur. Das Magazin für Aromapflege und Aromatherapie, 6. Ausgabe, S. 6-12.
issuu.com/evivre/docs/aromapflegemagazin_2016-6_issuu/1

Bildverzeichnis: Vorschau: © limaje auf flickr.com, Header: © Antoine & Marta Konopka Grasse, Sidepanel: © Waltraud Reischer, © Molinard, Lauftext: Waltraud Reischer (4), Antoine & Marta Konopka Grasse

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