Gian Furrer - Ich habe einen inneren Kompass ... 12.04.2016 12:40

Gian Furrer - Ich habe einen inneren Kompass  ...

Gian Furrer, Geschäftsführer und Mitbegründer von Farfalla, hat Berufung und Beruf vereint und verrät uns heute im Dialog mit Thomas Grasl, wie er so denkt und was ihn bewegt.

?Ihr habt eben Euer 30-jähriges Firmenjubiläum gefeiert. Was waren für Dich die Highlights und Meilensteine in der Entwicklung Eurer Firma?

Ein Highlight ist sicher die Entwicklung, welche die Aromatherapie genommen hat. Man kann es sich am Beispiel der Literatur gut vor Augen führen. Als wir begannen gab es gerade mal 2 deutschsprachige Bücher. Heute wissen wir, dass sich unzählige Bücher mit der Anwendung von ätherischen Ölen befassen. Am meisten freut es mich jedoch, dass die ätherischen Öle ihren Platz in unserer Gesellschaft eingenommen haben und dass die Aromapflege sich immer mehr etabliert und beides an Qualität zunimmt.

Ähnliches ist auch in der Naturkosmetik geschehen. Waren wir 1985 noch eine der wenigen Firmen, die eine echte Naturkosmetik herstellte, so finden wir heute weltweit zertifizierte Naturkosmetika. Und auch hier sehen wir einen Qualitätsschub bei den Texturen, bei Emulgatoren und Konservierung. Noch immer ist die Naturkosmetik ein Nischenmarkt und viele Marken tun so als ob - aber dennoch, in diesem Feld hat sich viel getan.

Und schließlich waren und sind noch immer die vielen Kontakte zu den Bauern und Kooperativen in verschiedenen Ländern der Welt und die menschlichen Verbindungen, die daraus entstanden sind. Aber auch auf der Seite der Verbraucherinnen und Verbraucher. Ich durfte so viele Male auch Zeuge sein, wenn Kunden von ihren Erlebnissen mit unseren Produkten erzählten. Hier Brücken zu bauen, vom Anbau bis zur Produktanwendung, das ist eine sehr schöne Erfahrung.

?Ihr habt Euch schon zu einer Zeit mit Worten wie Bio oder Nachhaltigkeit beschäftigt, wo die meisten noch gar nicht gewusst haben, was das sein soll. Heute führt fast jeder Supermarkt eigene Biolinien und selbst Atomkraftwerke rühmen sich nachhaltig zu sein. Wie erlebst Du diesen Wandel?

Viele unserer Ideale sind aus der 68er Bewegung entstanden, diese sind auch heute noch Teil unserer inneren Werte und Überzeugungen. Innerlich weiß ich, dass ein rücksichtsvoller Umgang mit der Natur, also mit Mutter Erde, mit Pflanzen, Tieren und Mitmenschen nicht eine besondere Errungenschaft unserer Gesellschaft sein sollte, sondern das Natürlichste auf der Welt. Menschlichkeit ist unsere Natur, nicht etwas das wir lernen, sondern etwas das wir ganz einfach sind.

?Ihr gehört mit zu den Pionierfirmen, die den Weg für Bio-Kosmetik geebnet haben. Jetzt bringt fast täglich einer der Big Player in der Kosmetikbranche, unter dösendem Marketinggebrüll, eine schicke Naturkosmetikserie in die Verkaufsregale. Wie gelingt es Farfalla, sich hier zu behaupten und zu positionieren?

Farfalla hat nicht als eigentliche Handelsmarke begonnen, sondern hat als Erstes ein eigenes Ladengeschäft gebaut. Das Besondere daran war, dass wir damit einen direkten, ungetrübten Kontakt zum Kunden hatten. Das Spannende damals war das gegenseitige voneinander Lernen. Mittlerweile hat Farfalla fünf eigene Filialen in der Schweiz. Und hier werden wir auch für die Zukunft ansetzen. Also wir gehen sozusagen „back to the roots”. Wir wollen diesen direkten Kundenkontakt auch eher noch stärken und damit die Bedürfnisse unserer Kunden und Kundinnen wahrnehmen und Antworten darauf geben: Mit konsequenter Biokosmetik und genuinen ökologischen Inhaltsstoffen.

?Für mich scheint es derzeit im Handel zwei Biowelten zu geben. Zum einen die ausgewiesenen Bioläden und Biofachmärkte mit vielen Marken etablierter Biolabels und zum anderen die großen Supermarktketten und Diskounter, die meist mit Eigenmarken versuchen, das Biosegment zu erschließen. Gibt es für Dich ein besseres und schlechteres Bio?

Grundsätzlich stehe ich natürlich hinter dem Biogedanken. Es gibt leider schon ein Aber: Mit der Ausbreitung von Bio finden wir heute auch eine Art Industrie-Bio. Also eine Landwirtschaft, welche genau gleich funktioniert wie die konventionelle Landwirtschaft nur halt ohne Chemie, aber es gibt hier Monokulturen, industrielles Anpflanzen und Ernten und ein Gedankengut, das allein auf Kommerz ausgerichtet ist. Bei Farfalla setzen wir - wo immer möglich - auf kontrollierte Wildsammlung und auf Kooperativen mit ganzheitlichen Werten. Produkte von herausragenden Produzenten kennzeichnen wir mit einem Grand Cru-Label.

?Der Biobereich braucht starke Gütesiegel, die dem Konsumenten die Qualität aufzeigen. NaTrue, auf das auch Farfalla setzt, ist vorwiegend nur Insidern bekannt.

Es gibt sie schon, die starken Gütesiegel. Leider gibt es aber so viele Siegel, dass es für die Konsumenten und Konsumentinnen immer schwieriger ist, den Durchblick zu haben. Je höher die Auflagen eines Gütesiegels sind, desto schwieriger ist es, dieses flächendeckend über viele Länder oder sogar weltweit zu etablieren. Mit NaTrue haben wir, zumindest in der Naturkosmetik, die Möglichkeit den Bio-Anteil auszuloben. Noch wichtiger aber ist für uns eine konsequente Haltung zu den Farfalla-Werten. Nur das schafft Vertrauen in die Marke Farfalla und das ist das kostbarste Firmengut.

?Ihr bezieht ätherische Öle aus der ganzen Welt und auch wenn es Euch sehr wichtig ist, sehr faire Preise für den Rohstoff zu zahlen, können wir Eure Produkte nur deshalb zu vergleichsweise günstigen Preisen kaufen, weil das Lohnniveau in den meisten dieser Länder derzeit viel geringer ist. Traust Du Dich eine Prognose abzugeben, was wir in 20 Jahren für ätherische Öle bezahlen werden?

Nein, diese Prognose kann ich unmöglich abgeben - ich bin kein Hellseher::)) Eines jedoch möchte ich an diesem Punkt festhalten. Ein wichtiger Teil der Rohstoffe, wie ätherische Öle, Hydrolate oder fette Pflanzenöle, kommen aus strukturschwachen Gebieten oder sogenannten Drittweltländern. Wir werden uns auch weiterhin dafür einsetzen, faire Preise zu bezahlen, und es wird unsere Aufgabe bleiben, diese kostbaren Rohstoffe unseren Kunden zur Verfügung zu stellen und das ethnobotanische Wissen darüber weiterzugeben.

?Bei Farfalla ist gerade ein Generationswechsel im Gange und Ihr habt das Privileg, dass Eure Firma im erweiterten Bereich der Gründerfamilien bleiben wird. Fällt es Dir leicht, Dein berufliches Lebenswerk langsam aus der Hand zu geben?

Übergänge sind nie leicht, auch wenn man es gerne so hätte. Und eine neue Generation denkt und handelt wieder anders. Mit dem muss man umgehen können und wir stecken mitten in diesem Prozess. Ich selber freue mich aber, dass eine neue Phase in meinem Leben kommen wird. Wie es sich dann genau anfühlen wird, kann ich heute noch nicht sagen. Aber ich habe einen inneren Kompass und auf den vertraue ich voll und ganz.

Nachzulesen in: Grasl, T. (2016): Interview mit Gian Furrer. In: Hand in Hand mit der Natur. Das Magazin für Aromapflege und Aromatherapie, 6. Ausgabe, S. 28-29.
issuu.com/evivre/docs/aromapflegemagazin_2016-6_issuu/1

Bildverzeichnis: © Farfalla

2 Klicks für mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie können Ihre Empfehlung senden. Erst beim Aktivieren werden Daten an Dritte übertragen.