Herbstleuchten - die wundersame Kraft der Wurzeln 11.04.2016 13:44

Herbstleuchten - die wundersame Kraft der Wurzeln

Iris, Ingwer, Angelika und Vetiver – die Natur hält viele kraftvolle und wundersame Wurzelpflanzen im Herbst für uns bereit. HERBST - die Blätter so golden und feurig gefärbt, wie die untergehende Sonne. Sie wirbeln und kreiseln durch die Luft. Es kündigt sich eine neue Jahreszeit an.

Herbstduft liegt in der Luft. Wir riechen reife Früchte, feuchte moosige Erde und Pilze überall. Immer öfter ruht frühmorgens noch der Nebel im Wald, viel später als sonst erhebt er sein dunstiges Haupt. Wir stimmen uns ein auf eine ruhigere und geruhsamere Zeit. Leichter Wind weht, die Sonne schickt uns ihre letzten warmen Strahlen und die Blätter segeln zu Boden. In der Natur geht die Kraft der Blätter zurück zu den Wurzeln, um dann genug Energie und Kraft für das Frühjahr zu speichern und den kommenden Winter zu überstehen. Aber warum ist die Natur so programmiert?

Bedingt durch die zunehmende Kälte und dem beginnenden Mangel an Sonnenlicht baut sich zunehmend das Chlorophyll (Blattgrün) in den Blättern ab. Durch diesen Abbau kommen verstärkt andere Farbpigmente (gelb bis rot) zum Vorschein, welche sonst vom Chlorophyll überdeckt werden. Wenn die Blätter nicht mehr richtig mit Wasser versorgt bzw. auch nicht mehr „gebraucht“ werden, dann fallen sie zu Boden. Der Baum würde verdursten, wenn er weiterhin seine Flüssigkeiten in die Blätter schickt. Ist der Boden gefroren, kann der Baum, die über die Blätter verdunstete Flüssigkeit, nicht ersetzen. Die Natur gönnt sich eine Ruhepause.
Jetzt ist die Zeit der Wurzel-und Rhizomernte. Die Zeit, um neue Kraft zu sammeln.

Manche werden sich jetzt fragen, was ist der Unterschied zwischen Wurzel und Rhizom – ist das nicht das gleiche? Nicht ganz! Ein Rhizom hat auch Blattansätze, im Gegensatz zur Wurzel und ist dadurch leicht von dieser zu unterscheiden. Einige ätherische Öle werden auch aus Wurzeln bzw. Rhizomen gewonnen. Heute werden wir uns die Angelika, den Ingwer, die Iris und den Vetiver näher ansehen.

Den Arzt, der jede Pflanze nennt, die Wurzel bis ins Tiefste kennt,
dem Kranken Heil, dem Wunden Linderung schafft, umarm ich hier in Geist und Körperkraft.
Goethe, Faust II, Am untern Peneios

Angelikawurzel – Angelica archangelica L. „Schutz und Stärke“
Doldengewächs/Apiaceae - Frankreich – Wurzel – Wasserdampfdestillation – 300 kg Pflanzenmaterial für 1 kg ätherisches Öl
Viele kennen die 2- bis 4-jährige Pflanze besser unter ihrem deutschen Namen „Engelwurz“ oder als Bestandteil diverser Magenbitter. Nicht verwechseln mit dem ebenfalls erhältlichen Angelikasamenöl.
 
Wichtigste Inhaltsstoffe:
90 - 95 % Monoterpene (v. a. alpha-Pinen und Limonen), je 1 - 2 % Monoterpenole, Ester und Sesquiterpene, in Spuren Furocumarine u. a. Der Duft des ätherischen Öles ist erdig-würzig-grün und besitzt ein großes Wirkungsspektrum. Besonders beliebt ist dieses Öl bei sehr „kopflastigen“ Menschen, welche abends nicht abschalten können. Personen, welche zu Ängstlichkeit neigen, hilft es die Angst besser bewältigen zu können. Es unterstützt die Stärkung des körpereigenen Immunsystems und als Nasenöl, mit einem fetten Pflanzenöl verdünnt, hat es sich bei verstopfter Nase gut bewährt.
Achtung: Im ätherischen Wurzelöl befinden sich sogenannte Furocumarine. Diese erhöhen die Lichtempfindlichkeit der Haut und können unter Einwirkung von UV-Strahlung Hautreizungen hervorrufen (vgl. Werner, von Braunschweig, 2014, S. 98-99).

Ingwer – Zingiber officinalis Roscoe „Innere Wärme“
Ingwergewächs/Zingiberaceae - Madagaskar - Rhizom - Wasserdampfdestillation

Die Scharfstoffe der Ingwerwurzel gehen bei der Destillation nicht ins ätherische Öl über. Das ist auch ein Grund, warum es in der Aromaküche so beliebt ist.

Wichtigste Inhaltsstoffe:
60 - 65 % Sesquiterpene (v. a. Zingiberen), 15 - 20 % Monoterpene (v. a. Camphen, Limonen), je 2 - 3 % Sesquiterpenole (v. a. Zingiberol) und Monoterpenole, u. a.
Die fehlenden Scharfstoffe machen das ätherische Öl auch zu einem besonders milden und hautfreundlichen Öl. Ist „schlechte Stimmung“ im Raum, dann kann hier das Ingweröl Abhilfe schaffen. In Form einer Körperölmischung vitalisiert es müde Haut und wird auch gerne bei seelischem Bauchweh und in stressigen Zeiten verwendet.  Hier entfalten sich seine ausgleichenden und stabilisierenden Wirkungen (vgl. Werner, von Braunschweig, 2014, S. 132-133).

Iris – Iris pallida Lam. „Lass los“
Schwertliliengewächs/Iridaceae - Italien/Frankreich- Rhizom - WD - 100 kg Pflanzenmaterial ergeben 100 g Irisbutter

Das ätherische Öl der bleichen (hellblauen) Schwertlilie gehört zu den großen Kostbarkeiten. Seinen besonders herrlichen und betörenden Duft erhält man aber erst in hoher Verdünnung. Die geschälte Wurzel muss vor der Destillation drei Jahre getrocknet werden. Um endgültig zu diesem kostbaren ätherischen Öl zu gelangen, sind noch viele arbeitsaufwendige Schritte notwendig. Dies ist mit eine Erklärung, warum es zu den teuersten ätherischen Ölen der Welt zählt.

Wichtigste Inhaltsstoffe:
55 - 75 % Sesquiterpenketone (v. a. alpha-/gamma-Iron), 8 % Ester der Myristinsäure sowie zahlreiche duftbestimmende Stoffe (0,5 - 1 %).

Sanft, pudrig, weich sind nur einige seiner Duftnuancen. Aufgrund seiner Inhaltsstoffe ist auch dieses Öl sehr haltbar. Sein Duft ist so vielfältig und anmutig wie die Farben eines Regenbogens. Laut der Pflanzenmythologie ist die Iris die Göttin des Regenbogens. Zumeist wird dieser Duft als Herznote in Parfum/Duftmischungen eingesetzt. Sesquiterpenketone gelten als besonders haut- und schleimhautfreundlich. Sie sind ebenfalls dafür bekannt, dass ÄÖ mit einem hohen Anteil an Sesquiterpenketonen uns zu mehr Ruhe und Gelassenheit führen. Es wird gerne als Bestandteil für die Raumbeduftung in der Wege- und Sterbebegleitung eingesetzt (vgl. Werner, von Braunschweig, 2014, S. 133-135).

Vetiver – Vetiveria zizanioides (L.) Nash „Mut und Kraft“
Süßgras/Pocaceae - Madagaskar - Wurzel - WD - 50 kg Pflanzenmaterial für 1 kg ätherisches Öl

Die Wurzeln dieser Pflanze reichen bis zu 3 Meter ins Erdreich hinein und deshalb wird das tropische Gras auch gegen Bodenerosion angepflanzt.

Wichtigste Inhaltsstoffe:
45 - 50 % Sesquiterpene (v. a. Vetiven), 35 % Sesquiterpenole (v. a. Vetiverol, Khusimol), 15 % Sesquiterpenketone (v. a. Vetivon, Vetiveron, Khusimon), in Spuren Ester (Vetiverylacetat)

Aufgrund seiner Inhaltsstoffe (ca. 95 % Sesquiterpene) ist dieses erdig duftende ätherische Wurzelöl, welches u. a. auch Khus Khus (aromatische Wurzel) und Öl der Ruhe (Sri Lanka) genannt wird, gut 10 Jahre haltbar und besonders gut bei Hautirritationen einzusetzen. Es beweist seine stabilisierende Seite in unruhigen Zeiten, es unterstützt das Selbstvertrauen und hilft sich gegenüber anderen zu öffnen. Ebenso wird es gerne als sogenannte Basisnote in Parfum-/Duftmischungen verwendet. In Indien, dem Ursprungsland von Vetiver, werden Fensterläden daraus gemacht. Diese spenden nicht nur Schatten, sondern mit Wasser befeuchtet duften diese herrlich und vertreiben lästige Insekten. In der Duftlampe können wir uns diese Eigenschaft, zusammen mit Citronella und Rosengeranie, zunutze machen. Vetiver regeneriert und erdet bei „Kopflastigkeit (vgl. Werner, von Braunschweig, 2014, S. 232-235).

Literaturverzeichnis:
Werner, M., von Braunschweig, R. (2014): Praxis Aromatherapie – Grundlagen – Steckbriefe – Indikationen. 4. Auflage. Stuttgart: Haug Verlag


Nachzulesen in: Deutsch-Grasl, E., Reischer, W. (2015): Herbstleuchten - die wundersame Kraft der Wurzeln. In: Hand in Hand mit der Natur. Das Magazin für Aromapflege und Aromatherapie, 4. Ausgabe, S. 4-5.
issuu.com/evivre/docs/aromapflegemagazin_2015-4_isuu

Bildnachweis: © doris oberfrank - Fotolia.com, © PhotoSG - Fotolia.com, 2 x © Waltraud Reischer, © Maceo - Fotolia.com, Vetiver: © Eliane Zimmermann,

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