Mineralölkohlenwasserstoffe - Die größte Verunreinigung unseres Körpers 12.10.2017 07:29

Mineralölkohlenwasserstoffe - Die größte Verunreinigung unseres Körpers

Lange Zeit ist man mit Mineralölprodukten in Lebensmitteln und Kosmetika eher bedenkenlos umgegangen, hat sie per Tanklastwagen als Trennöle in die Großbäckereien gebracht (und in Backwaren wieder herausgefahren) und damit Reis besprüht, nur daß dieser besser glänzte. Auch heute bestehen manche kosmetische Öle (z. B. für Babys) aus Mineralölprodukten, oft weitgehend auch Lippenstifte, die letztlich gegessen werden. Diese Bedenkenlosigkeit ist nun gekippt: Plötzlich gelten bereits sehr viel tiefere Gehalte an Mineralölprodukten als gefährlich. Wie kam es dazu?

Zuerst einmal ist festzuhalten, dass die Palette der "Mineralöl"-Produkte sehr breit ist und beispielsweise von Ölen bis zu Wachsen und Bitumen, und von Lösemittel für Farben, Schmierölen, Melkfett, Brennstoffen, Vaseline bis zu Bestandteilen in vielen Kosmetika reicht. Alle bestehen aus komplexen Gemischen von Kohlenwasserstoffen.

Für die Untersuchung auf Schädlichkeit werden gesättigte Kohlenwasserstoffe (MOSH)1 von den aromatischen (MOAH)2 unterschieden. Rohe Mineralöle enthalten neben den MOSH 30-50 % MOAH, technische Produkte noch 20-35 %, Öle und Wachse für Lebensmittel- oder Kosmetikanwendungen weniger als 5 %. Schon lange ist bekannt, dass sich unter den MOAH von Rohölen Krebserreger befinden. Weniger klar ist, wie weit die MOAH extrahiert und hydriert werden müssen, um die krebserregenden zu entfernen, weil entsprechende Tests keine genügende Empfindlichkeit aufweisen.

Man hielt MOSH (auch Weißöle oder pharmazeutische Öle genannt) lange für derart unbedenklich, dass einige Ärzte übergewichtigen Patienten empfohlen haben, Salatöl durch MOAH-freie Mineralöle zu ersetzen. Diese Sorglosigkeit stammte aus dem langjährigen  Umgang mit solchen Ölen, ohne dass gesundheitliche Probleme aufgefallen wären. Dann sind an Ratten Versuche angestellt worden, die erst bei sehr hohen Dosen Effekte zeigten (vgl. Smith et al, 1996 S. 214-230). Im üblichen Verfahren wurde daraus die Bestätigung abgeleitet, dass bei der weit geringeren menschlichen Belastung aus Lebensmitteln keine Gefahr bestehe.

Allerdings sind ab den 1940er Jahren unter dem Mikroskop in menschlichen Geweben immer häufiger eine Art Knötchen (Granulome) festgestellt worden, die von Mineralölkohlenwasserstoffen herrühren mussten (vgl. Cruickshank, 1984, S. 724-730; Cruickshank, Thomas, 1984, S. 731-737). Unter den Nordamerikanern waren sie sehr häufig, unter den Europäern etwas weniger und unter Afrikanern fehlten sie weitgehend. Granulome haben nichts mit Tumoren zu tun: Der Körper schützt sich gegen nicht kurzfristig eliminierbare Fremdkörper (auch z. B. Glassplitter) dadurch, dass er sie einkapselt. Er versucht, diese Fremdkörper zu entsorgen, was manchmal zu chronischen Entzündungen führt, wenn es misslingt. Diese Befunde waren allerdings mit den Rattenversuchen schlecht erklärbar, denn die menschliche Belastung mit Mineralölen schien viel zu gering. Dabei sind zwei Faktoren außer Acht gelassen worden: Erstens wird (im Rattenversuch) bei hohen Konzentrationen im Futter ein geringerer Anteil der Kohlenwasserstoffe aufgenommen, d. h. man unterschätzt die Aufnahme des Menschen. Zweitens verbleiben gewisse Kohlenwasserstoffe sehr lange im menschlichen Körper - vielleicht bringt er einen Teil über das ganze Leben nicht mehr los (vgl. Barp et al., 2016). Damit häufen sich in gewissen menschlichen Geweben (vor allem Leber, Milz, Lymphknoten und Fett) viel mehr Mineralölkohlenwasserstoffe an als in den Rattenversuchen, die meistens nur 3-4 Monate dauerten. Da sie sehr schlecht wasserlöslich sind, dürften sie sich in den Lipiden anreichern, z. B. den  Membranen, wo sie deren Eigenschaften (z. B. deren Permeabilität) verändern können.

Im Körper älterer (verstorbener) Menschen sind kürzlich überraschend viel MOSH gefunden worden: In einem Viertel dürfte die Menge 5 g/Person (ungefähr einen Suppenlöffel) überschritten haben; der höchste Wert erreichte 13 g (vgl. Barp et al., 2014, 312-321). Das ist die mit Abstand größte Verunreinigung des menschlichen Körpers. In der Milz erreichte die Konzentration sogar höhere Werte als im Tierversuch mit einem 1000-fach überhöhten Gehalt im Futter. Man hat also die Kontamination des menschlichen Körpers mit MOSH massiv unterschätzt.

Haben diese Personen unter diesen MOSH gelitten? Chronische Toxizität, also schleichende Effekte, sind im Menschen schwer nachweisbar. Wir fühlen uns alle immer wieder einmal weniger fit, als wir es möchten. Oft ist mangelnder Schlaf, Alkohol, Alter oder eine andere Banalität schuld, aber auch Organe mit verminderter Leistung können die Ursache sein. Wenn sich diese reduzierte Lebenskraft über Jahre oder Jahrzehnte hinzieht, wird sie als normal hingenommen. Deswegen ist man auf Tierversuche angewiesen, in denen Ursache und Wirkung unter kontrollierten und überhöhten Umständen untersucht werden können. Im Rattenversuch ist bei Konzentrationen, die im Menschen erreicht wurden, eine Erhöhung von Organgewichten feststellbar, was darauf hinweist, dass der Organismus versuchte, einen Schaden durch Vergrößerung des Organs zu kompensieren. Das ist vielleicht auch bei Menschen so, aber kaum überprüfbar.

Auch zu den Granulomen ergaben sich neue Erkenntnisse: Es scheinen die Wachse zu sein, welche sie initiieren. Im Versuch mit Fischer-344-Ratten (vgl. Barb et al., 2016) erzeugten Öle, denen bei der Raffination die Wachskomponenten entzogen worden sind, selbst bei hohen Konzentrationen im Gewebe keine Granulome, Wachse aber schon bei geringen. Zuerst einmal überraschte dies, weil die Wachskomponenten, vor allem gestreckte (n-)Alkane, normalerweise schnell zu Fettsäuren metabolisiert werden. Kristallbildung dürfte die Erklärung sein: Wenn Wachskomponenten im Gewebe auskristallisieren, sind sie für die Enzyme kaum mehr angreifbar, und Kristalle sind vielleicht die Keime für Ausfällungen, die bei genügender Größe die Granulombildung veranlassen.

Die wichtigste Konsequenz aus diesen Befunden: Die Belastung des menschlichen Körpers mit Mineralölkohlenwasserstoffen ist viel höher als bisher vermutet. Die heutigen Regeln zur Verwendung von Mineralölprodukten sind deswegen viel zu lax.

Und der Bereich der Kosmetika? Lippenstifte und Lippenpomaden bestehen zum großen Teil aus MOSH und ähnlichen synthetischen Kohlenwasserstoffen (z. B. Polybuten). Sie können für regelmäßige Anwender die größere Belastung sein als alle Lebensmittel zusammen. Zudem enthalten sie oft größere Wachsanteile, die zur Bildung von Granulomen neigen. In der deklarierten Zusammensetzung weit oben stehendes Paraffinum liquidum, Petrolatum, Ozokerit, Cera microcrystallina, Polybutene sind Hinweise und erlauben den Konsumenten und Konsumentinnen die Wahl.

MOSH sind auch in anderen Kosmetika weit verbreitet - manche bestehen fast nur aus Mineralölprodukten. Die Aufnahme über die Haut in den menschlichen Organismus ist allerdings weit weniger klar. Die Hersteller behaupten, dass Mineralöle zwar in die Haut eindringen (der erwünschte Effekt), aber diese nicht durchdringen. Die Haut ist raffiniert aufgebaut, und MOSH gehören tatsächlich zu den gut abgeschirmten Stoffen, aber da einmal eingesickertes Mineralöl nicht mehr abgewaschen werden kann, bleibt fast unbeschränkt Zeit, doch tiefer vorzudringen. Schlüssige Daten gibt es nicht. Es ist aber nachgewiesen worden, dass Brustsalben vom Typ Vaseline in die Muttermilch gelangten (vgl. Noti et al., 2003, 317-325). Transdermal applizierte Medikamente werden mit Stoffen verabreicht, welche die Haut durchgängiger machen, und deswegen dürfte auch bei Kosmetika die Zusammensetzung wichtig sein.

Es ist also unbekannt, ein wie großer Anteil der MOSH im menschlichen Körper über die Haut aufgenommen wurde - aus Kosmetika und technischen Ölen. Allerdings besteht meistens auch keine Notwendigkeit, sich auf Experimente einzulassen: Es geht auch ohne Mineralöle!

1 MOSH (mineral oil saturated hydrocarbons) bestehen aus einfach miteinander verbundenen Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen
2 MOAH (mineral oil aromatic hydrocarbons) sind Kohlenwasserstoffe mit mindestens einem aromatischen Ring. Unter den Polyaromaten (also Kohlenwasserstoffen mit mehreren aromatischen Ringen) befinden sich bekannte Krebserreger.

Literaturnachweis:
Barp, L., Kornauth, C., Würger, T., Rudas, M., Biedermann, M., Reiner, A., Concin, N., Grob, K., 2014. Mineral oil in human tissues, Part I: concentrations and molecular mass distributions. Food Chem. Tox. 72, 312–321.
Barp L., M. Biedermann, M., Grob, K., Blas-Y-Estrada, F., Nygaard, U.C., Alexander J., Cravedi, J.P. (2016). Accumulation of mineral oil saturated hydrocarbons (MOSH) in female Fischer 344 rats: comparison with human data and consequences for risk assessment. Sci. Tot. Env. (eingereicht)
Cruickshank, B., 1984. Follicular (mineral oil) lipidosis: I. Epidemiologic studies of involvement of the spleen. Hum. Pathol. 15, 724-730.
Cruickshank, B., Thomas, M.J., 1984. Mineral oil (follicular) lipidosis: II. Histologic studies of spleen, liver, lymph nodes, and bone marrow. Hum. Pathol. 15, 731-737.
Noti, A., Grob, K., Biedermann, M., Deiss, U., Brüschweiler B.J., 2003.Exposure of babies to C15-C45 mineral paraffins from human milk and breast salves. Regulatory Toxicology and Pharmacology 38, 317-325.
Smith, J.H., Mallett, A.K., Priston, R.A., Brantom, P.G., Worrell, N.R., Sexsmith, C., Simpson, B.J., 1996. Ninety-day feeding study in Fischer-344 rats of highly refined petroleumderived food-grade white oils and waxes. Toxicol. Pathol. 24, 214-230.

Autor: Dr. Koni Grob ist Chemiker und arbeitet für das Kantonale Labor Zürich, was dem staatlichen Konsumentenschutz entspricht, sowie als Experte für die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA. Seine Gruppe hat (neben vielen anderen Aufgaben) zuerst die analytische Technologie zur Messung von Mineralöle in Lebensmitteln entwickelt (on-line gekoppelte HPLC-GC) und in über 25 Jahren eine Quelle nach der anderen untersucht - und meistens auch abgestellt.

Bildnachweis: © Sergey Pristyazhnyuk (Serg Zastavkin) - fotolia.com, ossyffer - fotolia.com

Nachzulesen in: Grob K.; Mineralölkohlenwasserstoffe: die größte Verunreinigung unseres Körpers; Hand in Hand mit der Natur – Das Magazin für Aromapflege und Aromatherapie 2017; 7: 12–14

Mineralölkohlenwasserstoffe - Die größte Verunreinigung unseres Körpers
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