Ätherische Öle gegen Krankenhauskeime – DER Schlüssel zu einem wirkungsvollen Ansteckungsschutz

In Österreich sterben hochgerechnet 2.400 Menschen jährlich an den Folgen nosokomialer Infektionen, sogenannte „Krankenhauskeime“ – das sind sechsmal so viele Tote wie im Straßenverkehr. Bereits im Jahre 2014 warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO vor der zunehmenden Bedrohung durch multiresistente Keime: weltweit habe sich die Antibiotika-Resistenz derart verbreitet, dass gewöhnliche Infektionen wieder tödlich enden könnten. Der gezielte Einsatz ätherischer Öle zur Raumluftreinigung in Krankenhäusern könnte einen möglichen Ansteckungsschutz im Sinne der Infektionsprophylaxe bieten.

Nosokomiale Infektion und die Rolle von "Penicilin"

Eine Infektion, die im Zuge eines Aufenthalts oder einer Behandlung in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung auftritt, wird als nosokomiale Infektion bezeichnet. Bakterien spielen dabei eine wesentliche Rolle: es gibt gute und nützliche Bakterien, wie z.B. die verdauungsfördernde Darmflora oder die Hautflora des Menschen und es gibt schlechte und schädliche Bakterien welche beispielsweise Wundentzündungen (Infektionen), Entzündungen von Organen (Pneumonien) bis hin zur Sepsis (Blutvergiftung bedingt durch eine Infektion) verursachen. Mit der Entdeckung des Antibiotikums „Penicillin“ im Jahr 1928, schienen bakterielle Infektionen kein Problem mehr dazustellen. Allerdings führte eine zu großzügige und oftmals verantwortungslose Verabreichung der Antibiotika dazu, dass sich viele bakterielle Erreger bereits auf das einstige Wundermittel eingestellt haben und Resistenzen gegen die Antibiotika bilden. Besonders in Krankenhäusern haben multiresistente Keime ein Leichtes: Hier treffen Keime auf kranke, geschwächte Menschen, deren Immunsystem stark belastet ist. Infektionen mit solchen resistenten Keimen, können für Betroffene lebensbedrohlich werden und sogar tödlich enden. 

Handeln bevor es zu einer Infektion kommt

Auf der Suche nach Lösungen, die effektiven Ansteckungsschutz bieten, sticht die Aromapflege als komplementäre Pflegemethode hervor. Längst ist bewiesen, dass pflanzliche Duftstoffe - sprich ätherische Öle - im Sinne einer Keimreduzierung eingesetzt werden können. Auch in der Geschichte finden sich Überlieferungen vom Einsatz ätherischer Öle, sei es in der Pflege oder in der Medizin: Bereits die Ägypter, Griechen und Römer verwendeten pflanzliche Duftstoffe (sprich: ätherische Öle), nicht zuletzt zum Schutz vor Ansteckung. Viele Pestärzte etwa trugen eine Maske, deren Schnabel mit duftenden Kräutern oder einem mit Kräuteressig getränkten Schwamm als Schutz vor Ansteckung gefüllt war. Auch das Räuchern – indem aromatisch, getrocknete Kräuter und Pflanzen auf glimmende Kohlen gelegt wurden – diente dazu, die Raumluft zu reinigen und unangenehme Ausdünstungen zu reduzieren.

Was genau sind ätherische Öle? 

Ätherische Öle begegnen uns jeden Tag – denken wir nur an ein aromatisches, gut gewürztes Essen in dem Küchenkräuter wie Rosmarin, Thymian oder Basilikum verarbeitet sind und unserem Essen Aroma verleihen. Oder an den Geruch beim Schälen einer Orange. Und auch wenn wir durch den Wald spazieren, dann können wir sie riechen – die Duftstoffe des Waldes, die sogenannten Terpene und ihre Abkömmlinge, die Hauptbestandteile ätherischer Öle. Ätherische Öle sind wichtige Kommunikationsmittel innerhalb der Pflanzenwelt und dienen den Pflanzen unter anderem zum Schutz vor Krankheiten und zur Abwehr von Schädlingen. Sie bestehen aus komplexen Mischungen von flüchtigen Verbindungen und die Pflanze bildet und speichert sie in ihren Öldrüsen. Durch Destillation oder Pressung (Zitrusschalenöle) werden die ätherischen Öle gewonnen. 


Gerade die ätherischen Öle des Waldes stärken unser Immunsystem nachhaltig, wie ein Wissenschaftlerteam der Nippon Medical School in Tokio rund um den Wissenschaftler und „Waldmediziner“ Dr. Qing Li in zahlreichen Feldstudien nachweisen konnte. Die Anzahl der Killerzellen im Blut, welche für die Immunabwehr zuständig sind, erhöhten sich signifikant, nachdem über einen Vernebler ätherische Nadelöle in die Raumluft eingebracht wurden. Besonders Nadelwälder haben eine stark entzündungshemmende Eigenschaft auf die Lungen und sind sehr luftreinigend. Nicht umsonst wurden früher Lungenheilanstalten in der direkten Umgebung von Nadelwäldern gebaut. Und genau diese Eigenschaften sind es auch, welche für den Ansteckungsschutz und die Infektionsprophylaxe von großem Nutzen sind. 

Wie können wir mithilfe ätherischer Öle Infektionen abwehren?

Bakterien nutzen einen Mechanismus, den man Quorum-Sensing oder Schwarmintelligenz nennt: sie „sprechen sich ab“, um eine Attacke möglichst erfolgreich durchzuführen. Ätherische Öle sind in der Lage, diese „Absprache“ empfindlich zu stören. Der Angriff kann zwar noch stattfinden, jedoch weniger effektiv und unkoordinierter. Das Immunsystem des angegriffenen Organismus bekommt durch die Unterstützung der ätherischen Öle mehr Zeit, um sich besser und gezielter wehren zu können. Schon Jean Valnet (1920-1995) beschreibt in seinem Buch „Aromatherapie“, dass ätherische Öle das Potential besitzen, die Mikrobenanzahl in einem Kubikmeter Krankenhausraumluft zu minimieren. Auch die jüngsten Studien bestätigen das. Eine im Jahr 2016 von Lanzerstorfer et. al durchgeführte Studie am Klinikum Wels-Grieskirchen in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Oberösterreich, Campus Wels ergab zusammengefasst, dass die Raumbeduftung mit ätherischen Ölen neben einem angenehmen Raumklima zu einer deutlichen Reduktion der Anzahl an luftgetragenen Keimen führt. Gelmini et al. (2016) zeigten in ihrer Untersuchung, dass mittels Raumbeduftung mit einem Ultraschallvernebler (Aromavernebler) und fünf ausgewählten, spezifisch kombinierten ätherischen Ölen (Lavendel, Cajeput, Fichtennadel sibirisch, Myrte und Rosengeranie) die Keimzahl an Oberflächen gesenkt werden kann.

Mittels gezielter Raumbeduftung kann die Keimzahl in der Raumluft und an den Oberflächen deutlich verringert und somit die Gefahr einer nosokominalen Infektion signifikant reduziert werden. Den nosokomialen Infektionen auf diese Art zu begegnen ist noch von unschätzbarem Wert, hier liegt noch einiges an Potential verborgen. Es wird höchste Zeit, uns damit zu beschäftigen, denn die Bedrohung durch die Krankenhauskeime steigt weiter an. 


Darf ich Raumbeduftung mit ätherischen Ölen im Krankenhaus eigenverantwortlich durchführen?

Die Antwort auf die Frage, ob die Raumbeduftung im Sinne der Aromapflege zum Zwecke der Infektionsprophylaxe eigenverantwortlich durchgeführt werden darf, lautet ganz klar „Ja“, SOFERN bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind:

        heller waldweg    
        dunkler waldweg    
        braune stiefel waldlaufen    
  1. Die Aromapflege ist als komplementäre Pflegemethode genehmigt (schriftliche Genehmigung der Krankenanstaltenleitung, der Leitung von Langzeitpflegeeinrichtungen bzw. der Mobilen Dienste an PatientInnen, BewohnerInnen, KlientInnen) und ist im Pflegealltag integriert (Ablaufplanung für die Implementierung der Aromapflege, z.B. Erstellen von Aromapflegestandards)
  2. Die Aromapflege obliegt laut dem GuKG (Gesundheits- und Krankenpflegegesetz) dem gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege, kurz: DGKP bzw. den Generalist*innen mit Bachelorabschluss. Pflegeassistent*innen, Pflegefachasisstent*innen, Altenfachbetreuer*innen und Schüler*innen dürfen Aromapflege unter Anleitung durchführen.
  3. Der Rahmen des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes (GuKG) muss eingehalten werden, die Kompetenzbereiche § 14 (Kernkompetenzen der Pflege) und §15 (Kompetenzen bei der medizinischen Diagnostik und Therapie) des GuKG sind zu berücksichtigen (ÖBIG, 2016).
  4. Die Anwendung erfolgt im Rahmen des Pflegeprozesses (hierzu gehört beispielsweise die Patienteninformation, Einholung des Einverständnisses…)
  5. Das Aneignen von Fachwissen (Aromapflegefachseminare) im Rahmen der Fort- und Weiterbildung ist nach der Gesetzgebung (§ 63 und 64 GuKG) unerlässlich, um die Aromapflege zu integrieren und effektiv damit arbeiten zu können (ÖBIG, 2019). 


Gerade der gezielte Einsatz ätherischer Öle im Sinne der Aromapflege ermöglicht es, durch rechtzeitiges Handeln eine wirksame Infektionsprophylaxe mittels Raumluftreinigung zu erzielen. Eine Pflegeperson (DGKP) darf innerhalb dieses Rahmens die Raumbeduftung zur Infektionsprophylaxe eigenverantwortlich durchführen, sollte selbstverständlich im Umgang mit ätherischen Ölen geschult sein.  


Welche ätherischen Öle eigenen sich besonders für die Raumbeduftung zur Raumluftreinigung?

Die Wirksamkeit der einzelnen ätherischen Öle gegen bestimmte Keime kann im Labor mit einem Aromatogramm (mikrobiologische Untersuchungsmethode) getestet werden. Erst diese Untersuchung ermöglicht den gezielten Einsatz ausgewählter ätherischer Öle zur Infektionsbehandlung. Bemerkenswert ist an dieser Stelle auch, dass es seit ca. 440 Millionen Jahren Pflanzen auf der Erde gibt und bis heute keine Resistenzen auf deren Vielstoffgemische! Besonders geeignet für die Raumbeduftung zur Raumluftreinig sind die ätherischen Öle der Nadelbäume wie Weißtanne, Zirbelkiefer, Fichte, aber auch Cajeput oder Thymian und Zitrusschalenöle wie Zitrone.

Noch nie war das Thema so präsent wie im Moment. Und es war noch nie so dringend, ein Umdenken im Pflegealltag einzuläuten. Es gilt mehr denn je, durch rechtzeitiges Handeln, Pflegeprobleme zu verhindern und die Gesundheit der Patient*innen zu erhalten und zu fördern. Die Raumbeduftung mit ätherischen Ölen als pflegerische Maßnahme kann zu einer deutlichen Reduktion der Anzahl an luftgetragenen Keimen führen und leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Infektionsprophylaxe - sprich Ansteckungsschutz. Wir stehen an einer Wende wo im Pflegealltag alle Möglichkeiten, die im Sinne des Infektionsschutzes zur Verfügung stehen, auch unbedingt genutzt werden sollten. Das Wissen um den Einsatz ätherischer Öle bietet dabei eine großartige Chance. Lass Dich an der Hand nehmen und nutze diese Chance! 


Literaturverzeichnis:

https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/antibiotika-who-warnt-vor-weltweit-steigenden-resistenzen-a-966796.html (16.10.2019)
https://www.netdoktor.at/news/krankenhauskeime-vermeiden-7139603 (16.10.2019)
https://medonline.at/hygiene-und-mikrobiologie/clinicum/n/2018/230531/nosokomiale-infektionen-bis-zu-1-000-vermeidbare-todesfaelle/  (Zugriff 17.10.2019)
Kurzzusammenfassung der Studie: „Keimreduktion durch Vernebelung“ Gelmini et. al (2016), ebd. von  Doris Kamleitner, BScN, MA  

Qing Li et al., „Forest Medicine“ und „Shinrin-Yoku, The Art and Science of Forest-Bathing“, Nippon Medical School, Tokio, 2018
Präsentation vom Pflegekongress 2019 – Vortrag von Evelyn Deutsch-Grasl zum Thema: „Ätherische Öle als DER Schlüssel zur Infektionsprophylaxe. Raumluftreinigung ein Weg zur Keimreduktion“

Szabó MA, Varga GZ, Hohmann H, Schelz Z, Szegedi E, Amaral L, Molnár J (2010): Inhibition of quorum-sensing signals by essential oils. Phytotherapy Research Vol 24 (5)

Lanzerstorfer A, Hackl M, Schlömer M, Rest B, Deutsch-Grasl, E, Lanzerstorfer C (2019): Influence of air-dispersed essential oils from lemon (Citrus limon) and silver fir (Abies alba) on airborne bacteria and fungi in hospital rooms. J. Environ. Sci. Health, Part A 54(3)

Gelmini, F., Belotti, L., Vecchi, S., Testa, C., Beretta, G. (2016): Air dispersed essential oils combined with standard sanitization procedures for environmental microbiota control in nosocomial hospitalization rooms. In: Complementary Therapies in Medicine, 25

Dorfinger, G. (2018): Bakteriologische Diagnostik in der Aromatherapie - das Aromatogramm und der Reihenverdünnungstest. . In. Deutsch-Grasl, E., Buchmayr, B., Fink, M. (Hrsg.): Aromapflege Handbuch – Leitfaden für den Einsatz ätherischer Öle in Gesundheits-, Krankenpflege- und Sozialberufen. Lechaschau: Aromapflege Verlag.
 

Bildverzeichnis: © Aromapflege / Dieter Kühl (DK-Fotografie)