Was ist „Naturkosmetik“? Experte Thomas Grasl im Interview

Was ist „Naturkosmetik“? Experte Thomas Grasl im Interview

Thomas Grasl leitet gemeinsam mit mir das Familienunternehmen Aromapflege Evelyn Deutsch mit Hauptsitz in Tirol.

In diesem Interview verrät er:

  • Was er bei Aromapflege macht und woher sein Wissen über Naturkosmetik stammt
  • Ob jede Naturkosmetik „echte“ Naturkosmetik ist
  • Was der Unterschied zwischen „zertifizierter“ Naturkosmetik und Naturkosmetik ohne Zertifizierung ist
  • Ob Naturkosmetik immer „bio“ ist
  • Warum Naturkosmetik besser ist als „normale“ Kosmetik

Was machst Du bei Aromapflege und woher kommt Dein Wissen über Naturkosmetik?

Thomas: „Ich bin seit 10 Jahren für die jährlich immer wiederkehrende Zertifizierung unserer eigenen Bio-Kosmetikprodukte zuständig und muss daher nicht nur über gültige Regeln und Gesetze Bescheid wissen, sondern auch wissen, wohin die Reise gehen wird, um rechtzeitig auf Änderungen reagieren zu können.

Die gültigen Regeln sind schnell erarbeitet. 150 Seiten EU-Kosmetikverordnung, 40 Seiten der österreichischen Richtlinien für biologische Produktion, noch ein Ordner mit Prüfkriterien, ein paar Fachartikel und vielleicht noch ein Vereinskodex. Die „Hardfacts“ sind damit erledigt.

Wirklich tiefgründig ist dieses Thema für mich aber erst durch die vielen Begegnungen und Gespräche mit Partnern geworden, die Worte wie bio und Natur nicht nur auf dem Etikett tragen, sondern im Herzen, für die natürliche und biologische Produkte nicht Strategie, sondern Philosophie sind. Viele dieser Gespräche haben mich nicht nur bewegt, sondern auch nachhaltig geprägt.“

Ist jede Naturkosmetik „echte“ Naturkosmetik?

Thomas: „Leider gibt es für Naturkosmetik keine sachlich klare und einheitliche Definition. Das Wort ist nicht geschützt und wird täglich von immer mehr Kosmetikfirmen dazu missbraucht, minderwertigen Produkten ein trendy, grünes Lifestyle-Image zu verpassen.

Das ist sowohl für KundInnen als auch die „echten“ Naturkosmetikfirmen schade. Für KundInnen wird es immer schwieriger, vor dem Kosmetikregal eine Entscheidung zu treffen und für die Firmen, die Naturkosmetik ernsthaft leben, bleibt nur der Weg hin zu neuen Namen oder Gütesiegeln, wie „zertifizierte Naturkosmetik“ oder „zertifizierte Bio-Kosmetik“.

Es gibt seit Jahren Bestrebungen in der EU einen einheitlichen gesetzlichen Rahmen für Naturkosmetik zu schaffen, wie dies bei Bio-Lebensmitteln bereits geglückt ist. Ein Ziel ist leider noch nicht in Sicht.

Österreich hat hier eine absolute Vorreiterrolle übernommen und ist aktuell das einzige Land in Europa mit einer gesetzlichen Regelung für „zertifizierte Bio-Kosmetik“. In allen anderen Ländern gibt es nur die Möglichkeit sich über Vereine wie Natrue, Ecocert & Co zertifizieren zu lassen.“  

Was ist der Unterschied zwischen zertifizierter Naturkosmetik und nicht-zertifizierter Naturkosmetik?

Thomas: „Leider ist es schwer zu beantworten, was „zertifizierte Naturkosmetik“ genau bedeutet. Es gibt keine einheitlichen, gesetzlichen Regeln, sondern unterschiedliche Vereine, Verbände und Organisationen, die eigene Qualitätsstandards definiert haben und für diese Standards Zertifizierungen anbieten.

Aber egal, welches Naturkosmetiksiegel wir betrachten, die Grundregeln sind in den meisten Bereichen gleich und lauten in etwa:

  • Es müssen 100% natürliche, naturnahe Stoffe verwendet werden.
  • Gentechnisch veränderte Rohstoffe sind nicht erlaubt
  • Es werden keine Rohstoffe auf Erdölbasis – also etwa Mineralöle - verwendet
  • Es kommen keine künstliche Farb-, Duft- und Konservierungsstoffe zum Einsatz
  • Silikone und Mikroplastik sind verboten
  • Tierversuche sind nicht erlaubt“

Ist Naturkosmetik immer „bio“?

Thomas: „Leider nicht. Naturkosmetik sagt absolut nichts über die Anbaumethode der Rohstoffe aus, sprich ob diese aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Wem das wichtig ist, der muss auf den Hinweis „zertifizierte Bio-Kosmetik“ achten. Somit ist garantiert, dass zumindest 95% der Inhaltsstoffe bio sind und jeder Produktbestandteil in der Inhaltsstoffangabe muss einzeln als bio ausgewiesen werden.

Findige Verkaufsprofis versuchen uns auch hier leider zu täuschen und schreiben auf Produkte zum Beispiel Naturkosmetik mit Bio-Jojobaöl. Kein Mensch weiß wieviel Jojobaöl in dem Produkt ist und welche Qualität alle anderen Inhaltsstoffe haben. Also hier bleibt nur auf den Hinweis „zertifizierte Bio-Kosmetik“ zu achten.“

Warum ist Naturkosmetik besser als „normale“ Kosmetik?

Thomas: „Ein Großteil der herkömmlichen Kosmetik ist schlichtweg schädlich für unsere Gesundheit und für unsere Umwelt. Grund dafür sind erstens die vielen synthetischen, also künstlichen Inhaltsstoffe, die nicht aus der Natur stammen, sondern im Labor erzeugt wurden.

Synthetische Inhaltstoffe werden in der konventionellen Kosmetik, aber leider auch in der nicht-biologischen Lebensmittelindustrie dazu verwendet, Produkte künstlich zu beduften, zu färben, Konsistenz zu geben, haltbar zu machen und vieles mehr.

Ich muss hier etwas ausholen, weil es so wichtig ist zu verstehen, warum diese synthetischen Stoffe so schädlich sind und nur kurz drei Milliarden Jahre zurückgehen (lacht). Alles Leben auf der Erde, egal ob Menschen oder Tiere, haben einen gemeinsamen Ursprung und daher einen gemeinsamen Bauplan, der dafür sorgt, dass wir uns in einem permanenten Kreislauf befinden – wachsen, leben, sterben, verrotten.

Nehmen wir eine Banane her, die wir bei uns in Tirol auf den Kompost werfen. Bei uns sind Bananen nicht heimisch und trotzdem können unzählige Mikroorganismen diese schnell zersetzen, weil eben der zentrale Bauplan weltweit gleich ist. Übrig bleibt ein Häufchen Erde, aus dem neues Leben entstehen kann und obendrauf ein kleines Plastiketikett, mit dem Markennamen der Banane.

Dieses Kunststoffetikett ist synthetischen Ursprungs. Dafür haben Mikroorganismen keinen Bauplan und können es somit auch nicht zersetzen. Es wird nie in den natürlichen Kreislauf der Natur gelangen können, sondern verwittert im Laufe der Jahre in immer kleinere Bestandteile, die wir dann im Wasser haben, über die Nahrung aufnehmen und letztendlich sogar in unserer DNA wiederfinden.

Unser Körper kann synthetische Inhaltsstoffe in Naturkosmetik und unserer Nahrung nicht verstoffwechseln. Im besten Fall kann er sie wieder ausscheiden. In vielen Fällen kann er sie nur im Fettgewebe ablagern und dort „Sondermülldeponien“ anlegen. Das geht so lange gut, bis es für den Körper zu viel Sondermüll wird. Die Folgen sind Hautreizungen, Unverträglichkeiten und Allergien. Diese Fremdstoffe stören massiv das natürliche Gleichgewicht des menschlichen Organismus und machen uns krank.

Zweiter Punkt ist der Einsatz von Mineralölen, die aus Erdöl destilliert werden und Hauptbestandteil so gut wie aller „normalen“ Cremen, Balsame oder Lotionen sind.

Mineralöle sind absolut totes Material, haben aber drei Vorteile für die Hersteller.

  • Erstens: Totes Material kann nicht nochmals sterben – Mineralölprodukte halten daher ewig.
  • Zweitens: Es gibt den Rohstoff so gut wie unbegrenzt und er kostet sehr wenig.
  • Drittens: Mineralöle bilden eine Art undruchlässigen Film auf der Haut, der diese vor Kälte, Sonne oder Nässe schützt.

Dieser Punkt ist in der Tat ein Vorteil, der bei genauerer Betrachtung aber schnell zum großen Nachteil wird. Die Haut ist flächenmäßig unser größtes Aufnahme- aber auch Ausscheidungsorgan. Mineralöle kleistern diese zu und behindern die Haut in diesen lebenswichtigen Funktionen.

Weiters ist die Haut unser lebenswichtiger Schutzschild zur Abwehr von krankmachenden Keimen. Dieser Schutzschild besteht aus Abermillionen Mikroorganismen, die auch als Mikrobiom bezeichnet werden. Mineralöle beeinträchtigen diese Hautflora und schwächen sie. Die vielen Vitalstoffe in Naturkosmetikprodukten ernähren, pflegen und stärken dagegen unser Mikrobiom.“

Du möchtest gleich selbst mit zertifizierter Naturkosmetik loslegen?

Ich hoffe, die Informationen meines Ehemanns und Geschäftspartners haben Dir für das Verständnis von Naturkosmetik weitergeholfen. Wir achten darauf, in unserem Shop nur „echte“ Naturkosmetik anzubieten. Wenn Du also gleich mit „echter“ Naturkosmetik loslegen möchtest, kannst Du gerne im Aromapflege-Shop vorbeischauen.

Herzlichst,
Evelyn Deutsch

 

Ja, ich möchte mit zertifizierter Naturkosmetik loslegen

 

Hier die Links zu den von Thomas genannten Quellen:
EU-Kosmetikverordnung: https://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2009:342:0059:0209:DE:PDF
https://www.verbrauchergesundheit.gv.at/lebensmittel/bio/biobeirat.html
https://www.natrue.org/uploads/2019/06/DE-NATRUE-Label_Requirements_V3.8.pdf